Alternative Medizin
Ein guter Mediziner nimmt sich Zeit für seine Patienten.

Jede Operation birgt ein Risiko. Umso wichtiger ist, dass die Diagnose stimmt. - Foto © picture alliance / Bildagentur-o

Gesund ohne OPs

Alternative Heilmethoden

  • Artikel vom 10. Juni 2011

In Deutschland greifen Mediziner viel zu oft zum Messer. HÖRZU erklärt, welche Eingriffe wirklich nötig sind und welche Alternativen es gibt.

Operationen: viele Eingriffe sind überflüssig

Bei deutschen Ärzten sitzt das Skalpell locker. Ob Schilddrüsen-OP, Knie-Arthroskopie oder Herzkatheter – in kaum einem anderen Land wird so viel operiert wie bei uns. Zu viel? Aus den Zahlen allein kann man das nicht schließen. Prof. Hartwig Bauer (siehe auch Interview weiter unten), Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), gibt zu bedenken: "In England oder Skandinavien wartet man bis zu zwei Jahre auf eine OP. Da erledigt sich mancher Fall von selbst. Diese Länder sind vielleicht eher unterversorgt."

Dennoch sei der Vorwurf der Operationswut nicht von der Hand zu weisen. "Bei einigen Eingriffen erfolgt die Indikation sicher zu unkritisch", sagt Bauer. Zum Nachteil der Patienten, die das Narkose- und Narbenrisiko tragen und denen es nach der OP unter Umständen nicht besser, manchmal gar schlechter geht. "Jeder größere Eingriff birgt das Risiko von Komplikationen und sollte nach Möglichkeit vermieden werden", warnt Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP).

Doch warum greifen Ärzte so häufig zum Messer? Die Gründe sind vielfältig. In manchen Fällen mangelt es schlicht am Wissen. "Es dauert oft lange, bis sich neue Erkenntnisse durchsetzen", bedauert Bauer. In anderen Fällen erscheinen alternative Behandlungen zu mühsam, zu langwierig, zu wenig erfolgversprechend. Oder sie sind nicht lukrativ genug. Denn die Doppelrolle als Arzt und Unternehmer fordert ihren Preis – und beeinflusst die Therapieempfehlung. "Grundübel ist das ökonomisierte Gesundheitssystem, in dem die Leistungen falsch vergütet werden", klagt Patientenvertreter Candidus. "Der Einsatz von Skalpell und Technik wird großzügig honoriert, für Zuwendung dagegen gibt es wenig." Vor allem die Anzahl der sogenannten minimal-invasiven Eingriffe und Untersuchungen nimmt stetig zu.

OP-Empfehlungen kritisch nachfragen

Der Einsatz modernster Medizintechnik ist lukrativ, für den Patienten schonend, eine zeitaufwendige Nachversorgung entfällt. Einerseits Segen, andererseits Gefahr: Da es sich "nur" um einen vermeintlich harmlosen Routineeingriff handelt, sind sowohl Arzt als auch Patient schneller bereit zur OP. Was Patienten jedoch zu denken geben sollte: Mediziner selbst lassen sich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich seltener operieren. Ein guter Grund mehr, bei einer OP-Empfehlung kritisch nachzufragen. In vielen Fällen gibt es Verfahren, die das Skalpell und die damit verbundenen Risiken ersparen. HÖRZU erklärt, welche Eingriffe oft überflüssig sind, welche alternativen Therapien es gibt und wie Sie sichergehen können, nicht unnötig unters Messer zu kommen.

Bandscheiben-OPs: vier von fünf sind überflüssig

Von den mehr als 300.000 Rückenoperationen pro Jahr entfällt gut die Hälfte auf die Therapie von Bandscheibenvorfällen: Im Jahr 2009 wurde bei über 160.000 Patienten erkranktes Bandscheibengewebe entfernt. "40 bis 45 Prozent der Eingriffe bringen nicht den gewünschten Erfolg, die Patienten haben weiter Beschwerden", moniert Dr. Martin Marianowicz. Statt des vorschnellen Griffs zum Skalpell empfiehlt der Rückenspezialist aus München sanfte Behandlungsmethoden plus Schmerztherapie. "80 bis 90 Prozent aller Bandscheibenvorfälle heilen innerhalb von sechs bis zwölf Wochen folgenlos ab."

Eine Erhebung der Techniker Krankenkasse deutet ebenfalls darauf hin, dass vier von fünf Bandscheiben-OPs überflüssig sind. Seit Anfang 2010 gibt es bei der TK das Angebot "Zweitmeinung bei Rückenoperation". Etwa 380 Patienten machten bislang davon Gebrauch. Ergebnis: In 85 Prozent der Fälle rieten die Zweitgutachter vom geplanten Eingriff ab, weil eine konservative Therapie den gleichen Heilungserfolg versprach. Treten bei einem Bandscheibenvorfall aber Lähmungen oder Störungen der Blasenfunktion auf, gibt es keine Alternative zur Operation.

Entfernung der Gebärmutter

Im Jahr 2009 wurde in deutschen Krankenhäusern insgesamt 125.000 Frauen die Gebärmutter entfernt. In den meisten Fällen aufgrund von Myomen, also von gutartigen Wucherungen, die laut Experten jede dritte Frau im Lauf ihres Lebens entwickelt. Verursachen diese Wucherungen Beschwerden, wird gerade älteren Patientinnen oft eine Totaloperation (Hysterektomie) nahegelegt. Dabei ist die Gebärmutter auch jenseits der Wechseljahre keineswegs ein überflüssiges Organ: Sie hat eine Stützfunktion im Becken, ist zudem für die Psyche wichtig. Zur Totaloperation raten die Experten daher nur bei Krebs oder schwersten Blutungsstörungen.

Bis zu 90 Prozent der Hysterektomien wären mit schonenden Eingriffen zu vermeiden: Gutartige Wucherungen lassen sich veröden oder per Elektroschlinge entfernen; bewährt ist auch die sogenannte Myomembolisation, die die Tumoren schrumpfen lässt. Bei einer Befragung von Gynäkologinnen waren übrigens weniger als die Hälfte bereit, sich wegen Myomen die Gebärmutter entfernen zu lassen – auch wenn dies der medizinischen Empfehlung ihres Fachbereichs entsprach.

Gallenblasen-Operationen

Mit 215.000 Eingriffen im Jahr 2009 zählt die Gallenblasen-OP zu den zehn häufigsten Operationen hierzulande. Auffällig: Ärzte unterziehen sich dem Eingriff deutlich seltener als der Durchschnittsdeutsche. "Bis zu ein Viertel der Gallenblasen-Operationen ist nicht zwingend notwendig“, schätzt Prof. Herbert Koop, Gastroenterologe am Helios-Klinikum Berlin. Hauptproblem sei, dass es für Beschwerden im Oberbauch viele Ursachen gebe. "Sind Gallensteine vorhanden, dient die OP mitunter als Verlegenheitslösung – in der Hoffnung, dass der Patient danach beschwerdefrei ist", sagt Koop. Dabei bleiben viele Steine völlig symptomlos. Tatsächlich hat etwa jeder vierte Deutsche Gallensteine – doch nur ein Fünftel von ihnen leidet an Koliken. Dass dennoch so viele Gallenblasen entfernt werden, erklärt der Experte auch durch die Medizintechnik. "Da die OP per Endoskop ein minimal-invasives Verfahren ist, liegt die Hemmschwelle für Ärzte und Patienten weniger hoch."

Schilddrüsenoperationen

Etwa 100.000 Schilddrüsenoperationen werden hierzulande pro Jahr durchgeführt – im internationalen Vergleich steht Deutschland damit weit vorn. Beim Großteil der Patienten wird das schmetterlingsförmige Organ aufgrund eines Knotens teilweise oder vollständig entfernt – ein Eingriff, der oft unnötig ist. "Etwa jeder vierte Deutsche hat einen Knoten an der Schilddrüse – viele, ohne davon zu wissen", erklärt Dr. Joachim Feldkamp, Chefarzt der Inneren Medizin am Klinikum Bielefeld Mitte. Der Grund für die weite Verbreitung: Bis 2007 herrschte Jodmangel, der nicht nur die Entstehung eines Kropfs, sondern auch die Bildung von Knoten begünstigt. "Die meisten dieser Wucherungen sind aber harmlos", beruhigt der Experte. "Das Krebsrisiko liegt bei nur zwei bis fünf Prozent."

Dennoch werde aus Angst vor einem bösartigen Tumor viel zu häufig zum Skalpell gegriffen. "Dabei könnte eine bessere Diagnostik viele Operationen verhindern", sagt Feldkamp. Der Endokrinologe rät deshalb grundsätzlich zur Feinnadelpunktion, bei der eine Gewebeprobe entnommen wird. Deren Untersuchung gibt dann zuverlässig Aufschluss darüber, ob der Knoten gut- oder bösartig ist.

Knie-Arthroskopie

Gelenkspülung, Knorpelglättung, Meniskusentfernung – arthroskopische Eingriffe am Knie stehen auf der Liste der häufigsten Operationen ganz weit oben. Zählt man die verschiedenen Eingriffe zusammen, wurden 2009 mehr als 540.000 Knie-Arthroskopien durchgeführt – prozentual mehr als doppelt so viele wie in Schweden oder Frankreich! "Ungefähr die Hälfte davon ist überflüssig", sagt Prof. Hans Pässler vom Zentrum für Knie- und Fußchirurgie der Atos-Klinik Heidelberg. Das gelte insbesondere für die Gelenkspülung, die gern bei Verschleißerscheinungen durchgeführt wird. "Mehrere Studien zeigen, dass Krankengymnastik ebenso viel bewirkt wie dieser arthroskopische Eingriff."

Bei Arthrose und anderen Knieschmerzen, die von Muskeln oder Sehnenansätzen herrühren, empfiehlt Prof. Pässler viel Bewegung sowie schmerzlindernde Mittel. "Man sollte dem Gelenk ausreichend Zeit geben, sich zu regenerieren." Ist das Knie allerdings blockiert, ein Knochenstück im Gelenk abgebrochen oder das Kreuzband gerissen, sei der arthroskopische Eingriff absolut notwendig.

Herzkatheter-Untersuchungen

In keinem anderen Land der Welt werden pro Kopf so viele Herzkatheter gelegt wie in Deutschland. Der Anstieg ist enorm: Mit 860.000 Untersuchungen waren es 2009 gut 50 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. "Meiner Schätzung nach sind 20 Prozent der Eingriffe überflüssig", sagt Prof. Thomas Meinertz, ehemaliger Leiter des Universitären Herzzentrums Hamburg. Jeder fünfte Patient sei ohne Befund, bei jedem vierten ergäben sich keine therapeutischen Konsequenzen. Der Eingriff ist nicht risikolos: Bei 2,5 von 1000 Untersuchungen treten sogar ernste Komplikationen auf. "Im Akut-Fall ist diese Untersuchung sehr oft lebensrettend", erläutert Prof. Meinertz. "Doch vor allem bei chronisch Herzkranken wird sie von Kardiologen zu oft eingesetzt."

Eine routinemäßige Herzkatheter-Kontrolle von Bypass- oder Stent-Patienten etwa sei überflüssig, wenn die Betroffenen keine Beschwerden hätten. Warum der Eingriff dennoch so häufig durchgeführt werde? "Herzkatheter-Labors sind prestigeträchtig. Die Anschaffung der teuren Technik soll sich rechnen, indem man sie entsprechend oft nutzt", sagt Meinertz. Als unabhängiger ärztlicher Gutachter wird der Kardiologe bei chronischen Herzleiden oft um eine zweite Meinung gebeten. Heute hält er in 50 Prozent seiner Fälle die empfohlene Herzkatheter-Untersuchung für unnötig. Zumal es gute diagnostische Alternativen gibt, etwa die Magnetresonanztomografie (MRT) oder die Herz-Computertomografie (Herz-CT). Letztere bedeutet zudem eine geringere Röntgenbelastung und könnte vermutlich eine große Zahl der Herzkatheter überflüssig machen.

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Interview mit Prof. Hartwig Bauer, Deutsche Gesellschaft für Chirurgie

"Eine zweite Meinung ist Ihr gutes Recht".

HÖRZU: Wenn ein Arzt zur OP rät, man als Patient aber Zweifel hat – was raten Sie in einer solchen Situation?

Prof. Hartwig Bauer: Wer unsicher ist, sollte eine ärztliche Zweitmeinung einholen. Das ist das gute Recht jedes Patienten.

HÖRZU: Entstehen dem Patienten dadurch Kosten?

Prof. Hartwig Bauer: Nein, die Kosten dafür trägt die Krankenkasse, wenn Ihr Arzt Sie überweist. Außerdem sollte er Ihnen alle wichtigen Untersuchungsbefunde in Kopie für den Kollegen mitgeben.

HÖRZU: Viele fürchten, ihren Arzt zu verärgern, wenn sie eine zweite Meinung einholen. Zu Recht?

Prof. Hartwig Bauer: Nein, ein guter Chirurg respektiert die Zweifel seines Patienten und scheut die Meinung eines Fachkollegen nicht. Wenn ein Mediziner damit nicht umgehen kann, hat der Patient allen Grund, misstrauisch zu werden.

HÖRZU: Gibt es noch andere Warnsignale im Gespräch?

Prof. Hartwig Bauer: Hellhörig sollte man werden, wenn der Arzt den Eingriff bagatellisiert, zur Eile drängt oder keine Alternativen aufzeigt. Bei einer guten Beratung klärt man Sie über Ihre Erkrankung und über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten auf. Außerdem muss der Arzt darlegen können, warum er in Ihrem Fall zu ebendiesem Eingriff und nicht zu einer anderen Behandlung rät.

HÖRZU: Welche Fragen sind wichtig?

Prof. Hartwig Bauer: Ich empfehle gern die Frage, ob Ihr Arzt den Eingriff auch bei sich oder seinen Angehörigen machen lassen würde. Das bringt manchen doch noch dazu, über Alternativen nachzudenken. Wichtig ist auch die Erfahrung des Operateurs: Wie oft hat er den Eingriff durchgeführt, mit welcher Erfolgsquote?

Autor: Judith Heisig

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