Ärzte
Ärzte im Operationssaal

Seit dem Jahr 2000 sind die Ausgaben der Kassen für Krankenhausbehandlungen um mehr als 40 Prozent gestiegen.. - Foto: © picture alliance / dpa

OP-Wahnsinn

Wie viel Medizin braucht der Mensch?

  • Artikel vom 25. Februar 2013

Gehen Sie bloß nicht zum Arzt. Es sei denn, es geht wirklich nicht anders. Der Mann, der das empfiehlt, ist Fachanwalt für Medizinrecht. Joachim Laux aus Berlin bekommt Fälle auf den Tisch, bei denen Ärzte zu viel oder falsch behandelt haben.

Ein todkranker Patient mit Bauchspeicheldrüsenkrebs etwa wurde ohne Aussicht auf Heilung oder Besserung operiert. Er starb. "Diese Operation war völlig überflüssig, und das ist beileibe kein Einzelfall", meint Laux.

Ein zweiter Fall aus seiner Kanzlei: Bei einer 70-Jährigen wurde eine Darmspiegelung durchgeführt. Sie war ohne Befund. Die nächste folgte nur ein Jahr später. Laux: "Das macht keinen Sinn, der zeitliche Abstand ist viel zu kurz." Während der zweiten Untersuchung riss der Darm der Patientin, sie erlitt schwere Komplikationen wie eine Bauchfellentzündung.

Sind das nur dramatische Einzelschicksale? "Nein, auch bei uns in der Anwaltskanzlei können wir den Trend bestätigen, dass zu viel und unnötig operiert und behandelt wird", sagt Joachim Laux.

Besonders häufig vertritt er Klienten, die an der Wirbelsäule operiert wurden, bei denen Knie- oder Hüftprothesen misslungen sind oder sich als überflüssig herausstellten oder diagnostische Verfahren wie Herzkatheter-Untersuchungen oder Darmspiegelungen unnötig oder falsch durchgeführt wurden.

Krankenhausreport 2013

Die Zahlen der Krankenkassen spiegeln diese Erfahrungswerte. Die AOK veröffentlichte kürzlich ihren Krankenhausreport 2013 unter der Fragestellung "Mehr Menge – mehr Nutzen?". Fakt ist: In den letzten fünf Jahren haben sich beispielsweise die Eingriffe an der Wirbelsäule mehr als verdoppelt. Auch die Zahlen der Kaiserschnitte und der Entfernung der Gallenblase steigen stark an.

Und Herzkatheteruntersuchungen werden in Deutschland extrem oft vorgenommen – ohne nachweisbaren Erfolg. Im Gegenteil: Obwohl hierzulande fast doppelt so viele dieser Untersuchungen durchgeführt werden wie in der Schweiz, sterben in Deutschland pro 100.000 Einwohner 68,7 an einem Infarkt. In der Schweiz sind es nur 34,5 – so das Ergebnis einer Studie.

Zu viele Operationen

Uwe Deh, Vorstand des AOK-Bundesverbandes, sieht ganz klar Handlungsbedarf. Er sagt: "Die enorme Mengenentwicklung bei den Krankenhausbehandlungen darf nicht dazu führen, dass unnötig operiert wird oder dass
die Qualität nicht stimmt."

Seit dem Jahr 2000 sind die Ausgaben der Kassen für Krankenhausbehandlungen um mehr als 40 Prozent gestiegen. Einen Grund, warum immer mehr operiert wird, sehen Experten in der Abrechnung nach Fallpauschalen. Operiert ein Krankenhaus einen Patienten an der Wirbelsäule, so liegt die Pauschale beim einfachen Eingriff bei etwa 3500 Euro, kompliziertere Varianten wie die Versteifung von Wirbelkörpern bringen sogar mehr als 12.000 Euro.

Lässt der Patient sich dagegen ganz konventionell in der Praxis mit Krankengymnastik und ähnlichen Maßnahmen behandeln, darf sein Arzt ganze 27 Euro pro Quartal abrechnen. Der Münchner Orthopäde Dr. Martin Marianowicz kritisiert den enormen Anstieg vor allem bei den Wirbelsäulen-OPs. Er sagt: "Durch die vielen Operationen produziert man schreckliche Lebensläufe." Zu ihm kommen viele Patienten, die schon eine oder gar mehrere OPs hinter sich haben. "Ein Patient hatte bereits 16 Eingriffe an der Wirbelsäule durchgemacht."

Für Marianowicz gibt es triftige Gründe, warum es oft nicht bei einer einzigen Operation bleibt. "Bei einem kleinen Eingriff an der Bandscheibe bilden sich meist relativ schnell Narben. Die Patienten kommen schon im ersten Jahr nach der OP wieder zum Arzt, weil sie erneut Schmerzen haben." Bei Versteifungen von Wirbelkörpern passiere das im Schnitt nach vier bis fünf Jahren, weil durch die Operation noch bewegliche Bereiche der Wirbelsäule stärker belastet würden.

Die Krankenkassen machen für die vielen Operationen auch die Verträge der Chefärzte verantwortlich. Rechtsanwalt Laux sieht ebenfalls einen Zusammenhang zwischen den ansteigenden OP-Zahlen und den Verträgen der Ärzte. Er sagt: "Die Boni-Verträge stellen natürlich einen starken Anreiz dar." Je mehr Patienten auf dem OP-Tisch landen, desto höher fällt die Vergütung für Chefärzte mit derartigen Verträgen aus – und eine Kienbaum-Studie aus dem letzten Jahr zeigt, dass mehr als 50 Prozent der Chefärzte leistungsabhängig bezahlt werden.

Christine Göpner-Reineke, Pressereferentin bei der AOK, kritisiert diese Entwicklung scharf. Sie sagt: "Unser Krankenhaus-Report offenbart, dass viele Operationen nur gemacht werden, damit Krankenhäuser Geld verdienen. Wo Gewinne wichtiger sind als das Patientenwohl, können sich die Menschen nicht sicher sein, dass sie susschließlich aus medizinischen Gründen operiert werden."

Das gilt natürlich auch für jene diagnostischen Verfahren, die oft als harmlos dargestellt werden. "Die Ärzte weisen oft nicht genügend auf die möglichen Risiken hin", beklagt Rechtsanwalt Laux. Besonders gefährdet seien Privatpatienten. "Die haben zwar den Vorteil, überall schnell dranzukommen, aber sie bekommen auch oft zu viel Behandlung."

Der Orthopäde Martin Marianowicz hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Wenn er mit jungen Kollegen spricht, rät er ihnen stets: "Machen Sie nur, was Sie auch an Ihren Eltern, Kindern oder Freunden machen würden."

Dadurch allein könnte sich bei vielen Eingriffen die Anzahl reduzieren lassen. Vielleicht sollte jeder Patient einem Arzt ganz einfach diese Frage stellen, bevor er sich vorschnell auf ein Diagnoseverfahren oder gar eine OP einlässt.

Therapie für ein krankes System

Fallpauschalen und Chefarzt-Boni scheinen ein Irrweg zu sein. Genaue Untersuchungen wie der Krankenhaus-Report decken immer mehr Missstände auf. Und die gesetzlichen Kassen entwickeln Instumente, um die Qualität von Krankenhäuern besser beurteilen zu können.

Ungewöhnlich, aber plausibel klingt ein Vorschlag des Orthopäden Marianowicz. Seine Idee: Wenn die niedergelassenen Ärzte deutlich besser, OP-Eingriffe in Krankenhäusern dagegen entsprechend schlechter vergütet würden, erhielte die konventionelle Therapie wieder einen Aufschwung. Und viele überflüssige Operationen würden verhindert.

OP-Wahnsinn: So schützen Sie sich

Zweite Meinung

Jeder Patient hat das Recht, einen zweiten oder sogar dritten Experten zu befragen. Vor allem bei Operationen mit hohem Risiko sollte man mindestens einen weiteren Arzt konsultieren.

Krankenhaus-Check

Die AOK bietet ein Krankenhaus-Navi unter www.aok-gesundheitsnavi.de (Punkt Krankenhaus) für besonders häufige Operationen (Hüfte, Knie, Galle) an. Qualitätsberichte der Krankenhäuser und gesammelte Patientenmeinungen bilden die Datenbasis.

Behandlungsfehler

Die gesetzlichen Kassen unterstützen mit ihrem Know-how Patienten, die sich falsch behandelt fühlen. Zudem lassen sich durch die Beschwerden der Patienten langfristig leichter die schwarzen Schafe im Gesundheitswesen ermitteln.

Autor: Esther Langmaack

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