Ärzte
Mediziner und Buchautor Werner Bartens kritisiert unser Gesundheitssystem.

Mediziner und Autor Werner Bartens kritisiert in seinem neuen Buch ''Heillose Zustände'' unser Gesundheitssystem. / Foto: © picture alliance

Kritik von Mediziner Werner Bartens

Medizinische Versorgung in der Krise

  • Artikel vom 06. November 2012

Die Kosten für das Gesundheitssystem steigen ständig – auf immer neue Rekordhöhen. Wird dadurch auch die Qualität der Behandlung besser? Nein. Moderne Medizin macht Menschen krank und das Land arm – sagt Experte Werner Bartens, preisgekrönter Wissenschaftsjournalist und Mediziner. Sein Vorwurf: Medizin ist zum Wirtschaftsfaktor geworden. Es geht nur noch um Profit und Wachstum, aber nicht um das Wohl der Patienten. Wir stellen die wichtigsten Thesen seines Buches "Heillose Zustände" vor.

These: Unsere ökonomisierte Medizin vernachlässigt menschliche Faktoren.

Da mit der Untersuchung und Behandlung Gesunder wie Kranker viel Geld zu verdienen ist, haben Kaufleute die Medizin zu einer Industrie gemacht und die Krankenbehandlung rein wirtschaftlich ausgerichtet. Krankenhausärzte operieren immer mehr und steigern so ihre Patientenzahl – nicht aus medizinischen, sondern aus ökonomischen Gründen! Hausärzte nehmen sich für persönliche Zuwendung keine Zeit , weil sich das für sie wirtschaftlich nicht mehr lohnt.

Werner Bartens: "Dabei geht etwas verloren, was wesentlich wäre für eine gute Medizin: Zeit für Zuwendung, Zuhören, Trost. Die ökonomisierte Medizin gleicht diesen Mangel mit Technik aus. Aber für Kranke so wichtige Werte wie Zeit, Geborgenheit und Barmherzigkeit bleiben in der Medizinwirtschaft schnell auf der Strecke. Der Patient wird zum Störfaktor."


These: Die Medizin richtet sich nach dem Kosten-Nutzen-Faktor, nicht mehr nach den Bedürfnissen der Patienten.

Krankenhausärzte werden von kaufmännischen Direktoren regelmäßig darüber informiert, welche Operationen und Therapien lukrativ sind. Es ist üblich, dass den Ärzten nahegelegt wird, sich danach zu richten. Unrentable Therapien werden vermieden, auch wenn sie für Patienten hilfreich wären.

Bartens: "Diese Anweisungen sind nicht am Nutzen für die Patienten orientiert, sondern richten sich allein nach finanziellen Abwägungen. Krankenhäuser werden zu Fabriken, der Krankenhausalltag wird den Fertigungsprozessen der Industrie angepasst."


These: Aktionismus bringt Geld – Ärzte untersuchen und therapieren zu viel.

Weil technisch aufwendige Untersuchungen lukrativ sind, neigen Ärzte zu sogenannter Überdiagnostik. Computertomografie (CT), Kernspin, Herzkatheter, Kniespiegelungen – vieles ist überflüssig. Zwei von drei Koronarangiografien dienen nicht der Herzgesundheit, sondern der Amortisation der Geräte. Aber durch das ständige Senken von Grenzwerten, zum Beispiel beim Cholesterin, wird ein Großteil der Bevölkerung zur Risikogruppe erklärt. Die Folge: Immer mehr Gesunde werden vorbeugend untersucht.

Bartens: "Immer wieder werden vermeintliche Leiden therapiert, die nie Beschwerden verursacht hätten. Viele Kliniken können nur existieren, weil sie in großem Stil fragwürdige Untersuchungen und Therapien anwenden, die unnötig sind und mehr schaden als nutzen."


These: Neue Krankheiten werden erfunden, um die Kassen zu füllen.

Wechseljahre beim Mann, Cellulite bei der Frau, Lebhaftigkeit beim Kind, Schnarchen und Vergesslichkeit im Alter – was früher als völlig normal galt, wird heute zur Krankheit erklärt und muss teuer therapiert werden.

Bartens: "Die Medizinwirtschaft ist darauf angewiesen, ständig neue Krankheiten zu erfinden. Aber die flächendeckende Krankmacherei hat Folgen: Es fehlen Geld und Zeit für diejenigen, die wirklich krank sind."


These: Der Markt braucht ständig neue Medikamente – die Patienten nicht.

60.000 Medikamente überschwemmen den Markt. Laut Experten würden 1500 sichere und zuverlässige Präparate genügen. Ein Hausarzt käme sogar mit 150 Mitteln aus. Doch der Markt fordert Wachstum. So kommen ständig neue Medikamente hinzu. Die meisten sind reine Nachahmerprodukte, die nicht besser, aber oft um ein Vielfaches teurer sind als ihre Vorgänger.

Bartens: "Neue Therapien und Arzneimittel sind oft teurer, aber nicht besser als bewährte Möglichkeiten der Behandlung, denn sie sind weniger geprüft und daher weniger sicher. Zudem gehen sie oft mit mehr Nebenwirkungen oder gefährlichen Komplikationen einher."


These: Technische Geräte sind häufig nur unzureichend geprüft.

Ob Herzschrittmacher, Gelenkersatz oder Röntgenröhre: Hersteller müssen lediglich nachweisen, dass ihr Gerät funktioniert, und nicht, dass es Patienten nützt. Ein Herzschrittmacher etwa darf weder rosten noch einen Kurzschluss verursachen – alles andere ist nebensächlich. Folge der laschen Regeln: Oft kommt es zu gefährlichen Schäden beispielsweise bei Metall- und Brustimplantaten.

Bartens: "Die Zulassung sogenannter Medizinprodukte ist ein Witz, und zwar ein schlechter. Der Hersteller kümmert sich selbst um die fragwürdige Zertifizierung. Eine staatliche Kontrolle fehlt. Geprüft wird nur die technische Funktion der Geräte, nicht aber der Nutzen für die Patienten."

Autor: Thomas Kunze

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