Musik
Udo Jürgens im Interview mit Hoerzu

"Mitten im Leben": Udo Jürgens im Interview mit HÖRZU. Foto: dpa

Interview zum 80. Geburtstag

Udo Jürgens: "Ich liebe das Leben"

  • Artikel vom 26. September 2014

Vital, wortgewandt, aber auch etwas aufgeregt: So wirkt Udo Jürgens bei unserem Treffen am 2. September 2014 in einem Kino in der Hamburger Innenstadt. In wenigen Stunden soll hier die Welturaufführung der ARD-Doku "Der Mann, der Udo Jürgens ist" (Mo., 29.9., 20.15 Uhr, Das Erste) stattfinden.

Festlicher Anlass ist der 80. Geburtstag des Stars am 30. September. Doch bevor Jürgens vom Premierenpublikum gefeiert wird, zieht er mit HÖRZU Bilanz – über seine erstaunliche Karriere, seine großen Lieben, Stärken, Schwächen und seine letzten Wünsche ans Leben.

HÖRZU: Peggy March sang einst "Mit 17 hat man noch Träume". Hat man sie auch noch mit 80? Und welche würden Sie sich gern noch erfüllen?

Udo Jürgens: Ich habe eine sinfonische Dichtung geschrieben, ein großes, beachtliches Werk, aus dem die Berliner Philharmoniker zwei Sätze mit mir aufgenommen haben. Einzelne Teile daraus spiele ich auf meinen Konzerten. Mein größter Wunsch ist, dass diese Sinfonie irgendwo zu einem großen Anlass aufgeführt wird, etwa bei den Salzburger Festspielen, mit einem grandiosen Gewandhausorchester und mir am Klavier, live vor großem Publikum.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten nur drei Ihrer Lieder in die Zukunft retten: Welche wären das?

Eine schreckliche Vorstellung. Das ist ganz schwierig! Ich würde gern jene Songs erhalten, die nicht weltberühmt geworden sind, sondern wichtig waren für mich aufgrund der großen Botschaft, etwa "Lieb Vaterland" oder "Ein ehrenwertes Haus". Aber ich würde auch ungern "Aber bitte mit Sahne" und "Griechischer Wein" wegwerfen.

Wann schreiben Sie die besten Texte, wenn Sie traurig oder froh sind?

Die lustigen Lieder habe ich alle geschrieben, wenn es mir schlecht ging. Und die ernsten, wenn es mir gut ging. Da ich der Meinung bin, dass ernste Lieder wichtiger sind als lustige, wünsche ich mir natürlich, dass es mir weiterhin gut geht.

Das ist offensichtlich der Fall. Sie scheinen gute Gene zu haben, können leicht 100 Jahre werden. Das bedeutet aber auch: Das Ende des Lebens rückt näher. Was ist das für ein Gefühl?

Für Gespräche über den Tod suche ich Kontakt zu sehr intelligenten Menschen: Philosophen, Wissenschaftlern, Buchautoren. Leider stelle ich fest, dass bei diesem Thema alle gleichermaßen ratlos sind. Und diese Hilflosigkeit nutzen die verschiedenen Religionen. Ich selbst bin nicht religiös, sondern Darwinist – und danke der Evolution für meine gute Gesundheit. Doch sollte ich je so schwer erkranken, dass mein Verstand nicht mehr funktioniert, hoffe ich, es möge dann mehr Toleranz dafür geben, dass es unter der Mitwirkung von Ärzten möglich ist, den letzten Wunsch eines Einzelnen zu erfüllen.

Wie meinen Sie das genau?

Ich glaube, das Leben ist ein Geschenk, das wir bekommen haben und das wir auch zurückgeben dürfen. Etwa wenn es nicht mehr würdevoll gelebt werden kann. Dann sollte jeder Einzelne das Recht haben, sich Hilfe zu holen. Sonst müsste man jahrelang schrecklich leiden. Ich empfinde es wirklich als wichtig, dass darüber nicht nur laut, sondern ernsthaft gesprochen wird. Und dass man dabei nicht ausschließlich auf religiöse Gesichtspunkte Rücksicht nimmt.

Haben Sie für sich auch eine Patientenverfügung formuliert?

Ja. Alles, was man vorsorglich tun kann, habe ich gemacht. Doch natürlich nutzt das nur bedingt: Wie jeder weiß, wird das nicht immer angewandt. Vor allem, wenn man jene Hilfe braucht, von der wir gerade sprachen. Ein schwieriger Komplex! Eigentlich ist der Wille des Menschen ein Königreich – genauso wie seine Freiheit. Aber Freiheit ist nur dann Freiheit, wenn wir selbst entscheiden können, was wir wollen.

Was bedeutet das Älterwerden für Sie?

Es ist eine Herausforderung und auch ein Adelsschlag. Schließlich erreichen viele Menschen kein hohes Alter. Eigentlich muss man den Punkt, den ich erreicht habe, als ein Glück bezeichnen. Ein alter Mensch ist näher am Glück als ein junger – einfach weil er noch existiert. Natürlich sind viele auch selbst verantwortlich dafür, dass es ihnen ab 70 gesundheitlich nicht mehr gut geht – sofern sie sich ungesund ernährt, geraucht, viel Alkohol getrunken haben. Auch ich habe vieles falsch gemacht. Ich bin, als ich Mitte 30 war, eine Zeitlang sehr maßlos gewesen in Bezug auf Alkohol. Aber ich war nie Alkoholiker. Als ich berühmt wurde, war es normal, dass Musiker viel tranken und feierten. Diese Zeit habe ich mitgemacht. Rückblickend war das nicht nur lustig, sondern auch sehr gefährlich.

Was sind Ihre Stärken und Schwächen?

Ich habe ein starkes Talent, das mich zum Unterhaltungskomponisten werden ließ. Wahrscheinlich überwiegen ansonsten meine Schwächen. Wie viele andere stehe ich dem Alltag sehr ratlos gegenüber. Das Schwerste im Leben ist der Alltag, auch im Umgang mit Menschen, die man täglich sieht. Wer das einigermaßen über die Bühne bringt, kann sich sehr glücklich schätzen.

Was würden Sie heute anders machen?

Ich habe nicht alles richtig gemacht. Aber wer das tut, ist langweilig – und nicht erfolgreich, weder in der Politik noch in der Kunst. Ich würde alle Fehler wieder machen. Geliebt wird man doch genau deswegen, nicht, weil man perfekt ist.

Haben Sie genug geliebt im Leben?

Mit Sicherheit nicht. Ich habe oberflächlich geliebt, bin zweimal geschieden. Das beantwortet eigentlich jede Frage dieser Art.

Am 24.10. gehen Sie noch mal auf große Tournee. Motto: "Mitten im Leben". Warum dieser überraschende Titel?

Meine Berater sagten, "Udo mit 80" wäre ein schlechter Titel. Tatsächlich fühle ich mich fit – vor allem im Kopf. Das Denken ändert sich ja nicht bezüglich der wichtigen Dinge. Und ich liebe das Leben. Also bin ich noch mittendrin.

Autor: Mike Powelz

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