Weltstar Anne-Sophie Mutter feiert ihr 35. Bühnenjubiläum. HÖRZU feiert die Geigenvirtuosin mit einer exklusiven Best-of-CD. - Foto © Tina Tahir c/o Shotview photographers / DG
Sie haben entschieden, liebe HÖRZU-Leser: Aus 35 Meisterwerken, interpretiert von Anne-Sophie Mutter, konnten Sie Ihre Favoriten auswählen. Nun sind diese auf einem einmaligen "Best of"-Album (siehe auch weiter unten) zu hören (ab 26. August im Handel; Bestellmöglichkeit rechts). HÖRZU traf die Ausnahmegeigerin in ihrer Heimat München zum Gespräch über die neue CD-Edition und ihr ungewöhnliches Leben zwischen Kunst und Alltag.
HÖRZU: Frau Mutter, HÖRZU-Leser durften bestimmen, welche Werke auf Ihrer CD zu hören sind. Die ersten Plätze haben die Violinkonzerte von Beethoven und Mozart belegt. Eine Überraschung?
Anne-Sophie Mutter: Eine sehr gute Wahl! Ich bin positiv überrascht. Bei solchen Umfragen liegen meist Vivaldis "Vier Jahreszeiten" auf Platz eins. Dass mit Beethoven die Krone der Geigenkonzerte gewann, finde ich wunderbar! Das spricht für Ihre Leser.
HÖRZU: Ändert sich Ihr Spiel durch Lebenserfahrung? Interpretieren Sie ein Werk neu, wenn Sie es nochmals einspielen?
Anne-Sophie Mutter: Es ist logisch, dass man, wenn man älter ist, andere Seiten des Lebens kennenlernt, dass man private Dramen durchlebt hat. Das ist als 16-jähriges Mädchen nicht möglich. Aber ich glaube, dass auch Jugendliche in der Musik erahnen, was auf sie zukommen könnte.
HÖRZU: Das klingt, als könne man Musik besser interpretieren, wenn man die großen Dramen bereits hinter sich hat.
Anne-Sophie Mutter: Kommt darauf an, wie man mit Schicksalsschlägen umgeht. Ob man sie einordnet, relativiert, als Normalität begreift, oder ob man – wie etwa Gustav Mahler – Mitleid mit sich und der Welt entwickelt. Ich halte es für fatal, als Interpret Mitleid mit sich selbst zur Schau zu stellen. Dann rückt man sich in den Vordergrund – und nicht mehr Bach, Beethoven oder Mozart.
HÖRZU: Muss man im Reinen mit sich sein, um Musik angemessen zu interpretieren?
Anne-Sophie Mutter: Im Reinen zu sein ist eine sehr schwere Angelegenheit. Aber man muss die eigenen Gefühle im Zaum halten, wenn man zur Geige greift. Ich habe es stets so gehalten, dass meine privaten Gefühle der Musik nicht im Weg stehen sollen. Schließlich ist die Interpretation keine Selbstfindung. Es ist grundsätzlich eine der schwierigsten Aufgaben, den Stücken mit einem gesunden Maß an emotionsloser Objektivität und gleichzeitig mit bedingungsloser Leidenschaft zu begegnen.
HÖRZU: Schaffen Sie es denn immer, Ihre privaten Gefühle außen vor zu lassen? Oder spielen Sie sich nicht doch machmal den Frust von der Seele?
Anne-Sophie Mutter: Nein, nie! Auch wenn Sie es nicht glauben: Ich geige nie, um mich abzureagieren. Ich sage auch nicht: "Ich spiele heute mal Brahms, damit ich mich besser fühle." Das würde ich als Missbrauch der Musik empfinden. Ich bin da eher wie ein Hohepriester. Wenn ich die Geige heraushole, huldige ich der Musik.
HÖRZU: Aber kommt Ihr Publikum nicht oft ins Konzert, um den Alltag zu verarbeiten?
Anne-Sophie Mutter: Ja, aber es ist auch ein Unterschied, ob man Musik sendet oder Musik empfängt. Auf der Bühne ist mir sehr bewusst, dass der Klang erst durch meine Hände entsteht.
HÖRZU: Das Geigen ist für Sie also eine Kunst, die hoch auf einem Sockel steht?
Anne-Sophie Mutter: Sie ist tatsächlich unantastbar, sie ähnelt der Liebe. Und es gibt Dinge aus der profanen Welt, die man nicht in einen derartig reinen Kosmos tragen sollte. In der Musik geht es auch darum, eine Balance zwischen Emotionen und Logik zu finden. Das ist für mich im wahren Leben übrigens sehr viel schwieriger als in der Musik.
HÖRZU: Weil Ihre Familie wohl oder übel akzeptieren muss, dass sich in Ihrem Leben alles um die Musik dreht?
Anne-Sophie Mutter: Auf jeden Fall ist sie Teil meines Lebens. Und das über den ganzen Tag. Sie taucht immer wieder auf: beim Üben, in Gedanken, manchmal sogar in Träumen. Sie ist ein intimer Dialog, den ich mit mir selbst führe – und nicht mit Freunden und meiner Familie.
HÖRZU: Ist das auch ein Grund dafür, warum Sie Ihr Privatleben so konsequent aus der Öffentlichkeit heraushalten?
Anne-Sophie Mutter: Was, bitte schön, bedeutet denn mein Privatleben, wenn man es einem Werk von Mozart oder Beethoven gegenüberstellt? Es hat da einfach nichts zu suchen! Ich als bügelnde Mutter – das gehört nicht in diese Sphäre.
HÖRZU: Sie haben Pläne für die musikalische Bildung von Kindern entwickelt. Sind Ihre eigenen Kinder da ein Korrektiv?
Anne-Sophie Mutter: (Lacht) Kürzlich habe ich versucht, meinem Sohn meine CD mit dem zeitgenössischen Werk "Time Machines" nahezubringen. Er hat sich einige Minuten hingesetzt, gesagt: "Ja, schön" und ist gegangen. Dabei wäre ich gern mal gelobt worden. Ein Kompliment habe ich dann für meine Pfannkuchen bekommen.
HÖRZU: Sie scheinen eine der letzten Klassikkünstlerinnen mit langem Atem zu sein. Wie schaffen Sie das?
Anne-Sophie Mutter: Geiger sind nicht so schnelllebig. Natürlich hat sich der Klassikmarkt verändert. Und ich sage meinen Schülerinnen immer, dass die Vermarktung der eigenen Person nicht im Vordergrund stehen sollte. Es gibt so viele Dinge, die man angehen muss: musikalische Kindererziehung, Nachwuchsförderung, öffentliche Bildung. Ich bin völlig uneitel – nicht als Frau, aber als Musikerin. Ich weiß, was ich bewegen will. Darauf konzentriere ich mich voll und ganz.
Nur das Beste – die neue CD
Diese 23 Stücke wählten HÖRZU-Leser für das "Best of"-Album von Anne-Sophie Mutter
CD 1
01. Mozart Violinkonzert Nr. 5 1. Allegro aperto
02. Mozart Violinkonzert Nr. 3 2. Adagio
03. Beethoven Violinkonzert 3. Rondo (Allegro)
Mendelssohn Violinkonzert in e-Moll
04. 2. Andante
05. 3. Allegretto non troppo
06. Mendelssohn Lieder ohne Worte 6. Frühlingslied
07. Beethoven Violinsonate Nr. 5 "Frühlingssonate"
4. Rondo (Allegro ma non troppo)
08. Bach Violinkonzert Nr. 1 3. Allegro assai
09. Bach Violinkonzert Nr. 2 2. Adagio
Vivaldi Die vier Jahreszeiten
10. Der Winter 1. Allegro non molto
11. Der Sommer 3. Presto
12. Previn Tango Song and Dance Anne-Sophie Mutter gewidmet
2. Song. Simply
CD 2
01. Bruch Violinkonzert Nr. 11. Vorspiel
Tschaikowsky Violinkonzert
02. 2. Canzonetta (Andante)
03. 3. Finale (Allegro vivacissimo)
04. Massenet Thaïs Méditation
05. Sibelius Violinkonzert 3. Allegro, ma non tanto
06. Brahms Violinkonzert 2. Adagio
07. Brahms Ungarischer Tanz Nr. 6
08. Sarasate Zigeunerweisen
09. Kreisler Caprice viennois
10. Gershwin Porgy and Bess Summertime
11. Debussy Beau soir
Autor: Axel Brüggemann
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