Krimi-Spezial
Tatort mit Lars Eidinger

Kai Korthals (Lars Eidinger, li.) bedroht den Kommissar (Axel Milberg).
Foto: © NDR/Philip Peschlow

Exklusiv-Interview mit Lars Eidinger

"Ich habe Lust auf einen Serienkiller, der von wechselnden 'Tatort'-Kommissaren gejagt wird!"

  • Artikel vom 27. November 2015

Der gruseligste "Tatort"-Mörder aller Zeiten kehrt zurück: Lars Eidinger alias Kai Korthals in "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" (29.11., 20.15 Uhr, Das Erste).

An der Kieler Förde wird eine verwirrte Frau aufgefunden. Ihre Äußerungen lassen befürchten, dass der berüchtigte Frauenmörder Kai Korthals (Lars Eidinger) wieder aufgetaucht ist. Kommissarin Brandt (Sibel Kekilli) informiert ihren Kollegen Klaus Borowski (Axel Milberg) über den Serienkiller, mit dem sie einst selbst Traumatisches erlebt hat. Borowski kommt der neue Fall ungelegen. Er ist frisch verliebt und möchte heiraten. Doch als seine Braut spurlos verschwindet, muss er sich fragen, ob der Mörder seinetwegen zurückgekehrt ist …

HÖRZU traf den "Serienkiller" zum Exklusiv-Interview

HÖRZU: Welche Zahnbürste benutzen Sie, Herr Eidinger?

Lars Eidinger: Eine ganz normale Handzahnbürste – keine elektrische.

HÖRZU: Jetzt kehrt der gruseligste "Tatort"-Mörder aller Zeiten zurück – der heimliche Zahnbürsten-Lecker und Frauenmörder Kai Korthals. Was hat er in der Zwischenzeit gemacht?

Lars Eidinger: Ich habe mich sehr gefreut, dass es weitergeht mit Kai Korthals – weil es immer schade ist, wenn man Figuren mit viel Potenzial erfindet, die kurz darauf schon wieder verschwunden sind. Die Darsteller der Kommissare haben ja im "Tatort" das Privileg, Figuren über mehreren Folgen hinweg zu spielen und weiter zu entwickeln, während den Täter-Darstellern immer nur eine Episode Zeit bleibt. Jetzt freue ich mich natürlich, dass ich der Erste bin, der zeigen darf, was aus dem Mörder geworden ist. Inzwischen hat sich Korthals verändert. Optisch ist er nicht mehr der Postbote aus dem ersten Teil, der sofort erkannt werden würde, wenn er über die Straße liefe – sondern er trägt jetzt lange Haare und einen Bart. Noch kurz zur Zahnbürste, die wohl zum Intimsten gehört, das wir besitzen: Wenn man sich vorstellt, dass ein fremder Mensch sie benutzt, betrifft das eine Grundangst. Kai Korthals ist extrem übergriffig. Wenn er – wie in "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" – den Teelöffel der Psychologin anleckt und sie anschließend ahnungslos dasselbe tut provoziert er eine unfreiwillige Verbindung und Intimität zu seinem Gegenüber.

HÖRZU: Wie fühlt es sich an, "Tatort"-Geschichte geschrieben zu haben mit diesem Serienmörder?

Lars Eidinger: Es freut mich natürlich, dass die Leute sich noch so gut an den ersten Teil mit dem "Psycho-Postboten" erinnern und ich finde auch, dass man beim "Tatort" viel mehr mit Überraschungen arbeiten könnte. Insofern wäre es doch spannend, wenn Kai Korthals als Nächstes in einem "Tatort" in einer anderen Stadt auftauchen würde und dort sein Unwesen treibt.

HÖRZU: Heißt das etwa, dass der Killer nach seinem zweiten Auftritt im Kieler "Tatort" immer noch nicht tot ist?

Lars Eidinger: Das will ich vorab nicht verraten. Aber eine ganze "Tatort"-Reihe aus der Perspektive eines Serienkillers zu erzählen wäre doch interessant. Im Begriff "Serienkiller" steckt das Wort "Serie" ja schon drin. Insofern macht es durchaus Sinn, denselben Killer durchzuerzählen und von wechselnden Kommissaren jagen zu lassen. Ich hätte darauf Lust.

HÖRZU: Werden Ihnen seit der Darstellung von Korthals vermehrt böse, undurchsichtige oder ambivalente Rollen angeboten?

Lars Eidinger: Nein, ich habe generell das Glück, dass man mir sehr unterschiedliche Rollen anbietet. Auf den psychotischen Killer werde ich nicht reduziert, sondern spiele ja auch Familienväter oder mit sich selbst hadernde Mitdreißiger.

HÖRZU: Das Böse ist immer und überall – richtig?

Lars Eidinger: Kai Korthals leidet unter Realitätsverlust und hat eine verschrobene Wahrnehmung. Er ermordet Frauen und entführt Kinder, doch er besteht darauf, kein schlechter Mensch zu sein. Das ist paradox – aber aus der Logik und dem Wertesystem dieses Menschen heraus schlüssig. Was ich meine ist: Im Grunde handelt wahrscheinlich kein Mensch böse nur um Böses zu tun, sondern aus dem eigenen Moralverständnis und Gerechtigkeitsempfinden heraus sogar gut. In Shakespeares "Hamlet" heißt es: "Es gibt nichts Gutes oder Schlechtes, es sei denn, das Denken macht es dazu." Wir müssen uns bewusst sein, dass unser Verständnis von Gut und Böse unseren anerzogenen Moral- und Wertemaßstäben entspringt, aber keine Allgemeingültigkeit besitzt. Es gibt Religionen und Kulturen, die ein ganz anderes Gerechtigkeitsempfinden haben.

HÖRZU: Inwiefern kann Ihre "Tatort"-Episode – neben dem puren Entertainment – auch einen aufklärerischen Aspekt haben?

Lars Eidinger: Meiner Meinung nach operiert diese Folge sehr viel mit Klischees und Übertreibung. Insofern fällt das für mich eher unter den Begriff Unterhaltung, die sich auf einer gewissen Oberfläche abspielt, und gar nicht den Anspruch erhebt, übermäßig tiefgehend zu sein. Es handelt sich um einen klassischen Krimi, der mit Stilmitteln des Psychothrillers spielt, nicht aber um eine tiefenpsychologische Studie.

HÖRZU: Welcher Krimi liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Lars Eidinger: Kein einziger. Ich lese gerade Drehbücher.

HÖRZU: Welches ist Ihr nächstes spruchreifes Projekt?

Lars Eidinger: Ich drehe gerade eine fünfteilige BBC-Serie in London namens "SS-GB" – mit Sam Riley. Inhaltlich geht es um die fiktive Besatzung Großbritanniens durch die Nationalsozialisten und somit um eine Urangst der Engländer – oder anders ausgedrückt: um die Frage, was wäre, wenn Deutschland den 2. Weltkrieg gewonnen und Großbritannien eingenommen hätte. Ich spiele darin einen Nazi. Also wieder einen Bösewicht.

Autor: Mike Powelz

Anzeige