Krimi-Spezial
Hauptkommissar Stellbrink (Devid Striesow) gerät in Bedrängnis.
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Hauptkommissar Stellbrink (Devid Striesow) gerät in Bedrängnis. / Foto: © SR/Manuela Meyer

Zuerst am Start: Devid Striesow

Die neuen ''Tatort''-Teams im Einsatz

  • Artikel vom 27. Januar 2013

Der Typ sieht verboten aus: Schlabberhose, zerknittertes Leinenhemd, pinkfarbene Socken. Seine rote Vespa ist schon voll bepackt, bevor er auf den Parkplatz des Baumarktes rollt. Drinnen gibt es ein paar garstige Begegnungen mit dem Personal, die jeden Zuschauer vergnügt an eigene Erlebnisse denken lassen. Die Botschaft ist eindeutig: Dieser Mann, der neue ''Tatort''-Kommissar in Saarbrücken, bedient nicht die düstere Fraktion. Schnell kommt auch der Fall zur Sache: Ein Mädchen wird entführt, der Kommissar schnappt es sich im Handgemenge und flieht mit ihm in den Wald. Es ist der Auftakt zu einem verwickelten Fall – und die mit Spannung erwartete Premiere von Devid Striesow als ''Tatort''-Ermittler.

Striesow - ein preisgekrönter Fernsehstar und nominiert für die GOLDENE KAMERA von HÖRZU - gibt in Saarbrücken den Startschuss für die neuen Promi-"Tatorte", die in diesem Jahr die Krimireihe kräftig aufmischen sollen. Er führt eines der fünf neuen Ermittlerteams an. Damit werden 2013 insgesamt 21 Crews auf Mörderjagd gehen – so viele wie noch nie).

Die Frischzellenkur für den Sonntagsklassiker gefällt nicht jedem. Früher wurden die Hauptdarsteller wie Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär in Köln oder Maria Furtwängler in Hannover erst durch die Reihe zu echten Stars. Heute wetteifern die Sender des Ersten darum, wer das berühmtere Gesicht ins Rennen schickt: Der NDR etwa hat Til Schweiger und Wotan Wilke Möhring ergattert, der MDR die Kinostars Nora Tschirner und Christian Ulmen.

Bei so viel neuer Konkurrenz kommt es darauf an, unverwechselbar zu sein. Das Saarbrücker Debüt "Tatort: Melinda" glänzt filmisch auf Kinoniveau. Striesow hat dabei viele eigene Ideen eingebracht. "Es hat mich von Anfang an interessiert, einen humorvollen Kommissar zu schaffen. Aus egoistischen Motiven. Weil ich im TV einfach mal humorvoll sein wollte. Ich möchte lachen können, wenn ich den Fernseher einschalte. Ich bin ein lebenslustiger Typ. Anders ist das Lebenspensum nicht zu schaffen", meint Striesow.

Der Mann ist ein Energiebündel, 2012 hat er rekordverdächtige acht Filme gedreht. Klar ist: Wenn sich so einer auf einen Serienhelden einlässt, will er mitbestimmen. Nicht nur den komödiantischen Einschlag hat er gefordert. Die bequemen Klamotten seines Kommissars sind auch nicht bloß schlechter Geschmack, sondern eine augenzwinkernde Referenz an den Kunstrebellen Julian Schnabel. "Die Rolle sollte mir nahe sein. Yoga zum Beispiel mache ich auch privat. Es gibt nichts an meinem Kommissar, das meiner Fantasie entgegenwirkt. Seine Unkonventionalität war mir wichtig. Dass er Kontrapunkte setzt, intuitiv auf Situationen reagiert."

Striesows erste beide "Tatorte", die 2013 laufen werden, sind abgedreht. Acht Wochen ist der Schauspieler dafür mit Frau und Kindern ins Saarland gezogen, das er vorher nicht kannte. Jetzt lobt er die Landschaft, das Essen, ja, hat sogar Gefallen an den ständigen Volksfesten gefunden. Als die Anfrage vom Sender kam, habe er erst mal abgesagt. "Doch der Saarländische Rundfunk hat nicht lockergelassen – was ich heute dankbar einsehe." Auch weil er "den Ehrgeiz hatte, seine Vielseitigkeit auszutesten. Ich wollte nach dem Hospizdrama ,Blaubeerblau‘ eine neue Facette zeigen. Ich hatte Lust, gute Laune zu verschenken."

Ähnlichkeiten mit dem auf Humor getrimmten Münsteraner "Tatort" weist Striesow von sich. "Als ich die Zusage machte, war das nicht absehbar. Ich kannte die Münsteraner nicht, weil ich wenig Fernsehen schaue." Heute gucke er öfter die "Tatort"-Kollegen und hält es für eine spannende Entwicklung, dass so viel Neues passiert. "Ich denke, es belebt die Krimilandschaft, wenn unter dem Formatmantel ,Tatort‘ inhaltlich und ästhetisch völlig verschiedene Wege möglich sind. Ich bin total froh, dass Til Schweiger dabei ist. Er ist sehr actionlastig und wird auf ganz neue Art zeigen, wie man ,Tatort‘ machen kann."

Kritik am Krimikarussell

Doch es gibt auch "Tatort"-Ermittler, die sich über die steigende Zahl der Kommissare ärgern: 21 Städte und Teams seien, so monieren einige, inflationär. Nach Dominic Raacke, der jüngst davor warnte, "die Marke ‚Tatort‘ immer weiter aufzublasen", und Simone Thomalla, die befürchtet, den Überblick über die Masse der Ermittler zu verlieren, wollte HÖRZU von den Quotenlieblingen Jan Josef Liefers und Maria Furtwängler wissen, wie kritisch sie dieses "Krimikarussell" sehen, das sich immer schneller dreht.

Maria Furtwaengler

Maria Furtwängler als Kriminalhauptkommissarin Charlotte Lindholm im ''Tatort: Schwarze Tiger, weiße Löwen'' / Foto: © NDR/Roland Suso Richter

Die Antworten überraschen. So gesteht Furtwängler, die demnächst nur noch einen "Tatort" pro Jahr drehen will: "Die Vielfalt der Ermittler gibt dem Zuschauer viel Gelegenheit, sich für seine Lieblinge zu entscheiden. Aber im Vertrauen: Ich denke nicht, dass ich noch alle ‚Tatort‘-Kommissare zusammenbekomme. Auch ich laufe Gefahr, den Überblick zu verlieren."

Furtwängler stört es aber kaum, dass fast täglich Pressemeldungen über Eventfälle, Experimente oder den Ausstieg von "Tatort"-Stars erscheinen und die Krimireihe öfter ins Fadenkreuz der Kritik gerät: "Der ‚Tatort‘ ist nach wie vor extrem erfolgreich. Entgegen allen Trends! Eine gewisse Nervosität rund ums Produkt ist verständlich."

Jan Josef Liefers

Jan Josef Liefers ist Rechtsmediziner als Prof. Karl-Friedrich Boerne im ''Tatort Münster'' / Foto: © WDR/Michael Böhme

Auch Jan Josef Liefers, der in Münster seit 2002 Spitzenquoten einfährt, wirbt für Sachlichkeit: "Der ‚Tatort‘ nimmt nicht dadurch Schaden, dass noch ein paar Teams mehr ermitteln. Es gibt 52 Sonntage im Jahr, an denen die Fernsehnation gefühlt ein Anrecht auf die Erstausstrahlung eines neuen Falls hat – und nicht nur auf die x-te Wiederholung eines alten. Das ist ja kaum zu schaffen. Til Schweiger wird sicherlich ganz klare Entscheidungen bezüglich seines Genres treffen und seine Ansage an dieses Format machen. Ich habe nicht die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als er einiges kritisierte. Ich kenne Til schon lange und weiß, dass er sich viel Mühe geben und sich richtig reinhängen wird, um einen ‚Tatort‘ zu machen, wie man ihn nicht an jedem Sonntag sehen kann."

Konkurrenz belebe das Geschäft, so Liefers. "Da ich kein Quotenhengst bin und die Quote für mich nicht das Ave-Maria und das Vaterunser in einem ist, habe ich kein Problem damit, wenn uns irgendjemand von Platz eins verdrängen will. Das sehe ich sportlich."

Und wie beurteilen gefeierte Kinostars wie Christian Ulmen ("Maria, ihm schmeckt’s nicht!") und Nora Tschirner ("Zweiohrküken"), die 2013 für den Weimarer "Tatort" vor der Kamera stehen, die Kritik alteingesessener Ermittler an den neuen "Promi-,Tatorten‘"? Christian Ulmen zu HÖRZU: "In meinen Augen ist es absolut unwichtig, den Überblick zu haben. Wenn man an die Marke ‚Tatort‘ denkt, denkt man daran, wie man sonntags abends auf dem Sofa sitzt, sich leicht gruselt und gut unterhalten wird." Um einen "Tatort" zu verstehen, müsse man aber nicht zwangsläufig wissen, wie die Ermittler heißen, welche Vorgeschichte sie haben und wie lange sie schon auf Sendung sind: "Denn es geht im ‚Tatort‘ ja nicht um Columbo, Derrick oder die Jungs aus ‚Ein Fall für zwei‘. Die Marke ‚Tatort‘ generiert sich nicht aus den Ermittlern, sondern aus Spannung, Spiel und Spaß."

Nora Tschirner ergänzt: "Außer ‚Wetten, dass ..?‘ und der ‚Tagesschau‘ gibt es im deutschen Fernsehen keine weitere Institution wie den ‚Tatort‘ – und das zu Recht!"

Autor: Sabine Goertz-Ulrich, Mike Powelz

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