Krimi-Spezial
"Tatort: Es ist böse" mit Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf).
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"Tatort: Es ist böse" - Die äußerst blutigen Gewaltverbrechen gehen Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) diesmal ziemlich an die Nieren. - Foto © HR / Johannes Krieg

Die Hintergründe zum wahren Fall

Aus Frankfurt: ''Tatort: Es ist böse''

  • Artikel vom 22. April 2012

Die Spurensicherung legt einen roten, künstlichen Fingernagel in eine Plastiktüte, den sie neben der zugerichteten Prostituierten Ramona Förster gefunden hat. Ihre Leiche, die seitlich und mit angewinkelten Beinen auf dem Bett liegt, weist etliche Stichverletzungen auf. "Stiche und kaum Schnitte, das heißt, sie blieb defensiv", folgert Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf). Eine Lache unter dem Kopf hat die Decke blutrot gefärbt. Das Blut stammt aus der aufgeschnittenen Kehle. Weil es senkrecht geflossen ist, muss die Prostituierte schon regungslos auf dem Bett gelegen haben.


"Tatort: Es ist böse" - Im TV-Programm am 22.04., 20:15 Uhr, Das Erste

Wer übernimmt? Das Frankfurter "Tatort"-Duo Conny Mey und Frank Steier: Er ist der verkopfte, leicht misanthropische Analytiker, sie ein aufgeschlossenes, intuitives Überraschungspaket. Aber es kehrt auch ein altbekannter Kollege zurück, der die Ermittlungen an sich reißt. Mey ist stinksauer.
Worum geht’s? "Es ist böse", warnt Frank Steier seine Kollegin, als sie den Tatort erreicht: Eine Prostituierte wurde übel zugerichtet. Kurz vor der Tatzeit war ihr Exmann (Uwe Bohm) bei ihr. Doch es gibt Parallelen zu einem Fall in Offenbach, und als ein weiterer Mord an einer Prostituierten geschieht, scheint der Verdächtige ein Alibi zu haben. Die Story basiert auf einer wahren Begebenheit, dokumentiert in Axel Petermanns Buch "Auf der Spur des Bösen".
Fazit: Authentischer Serienmörder-Thrill, kein Leerlauf, eine brillant spielende Besetzung, kunstvolle Bildsprache – kurzum: ein perfekter "Tatort".


Warum noch dieser Schnitt, obwohl das Opfer doch bereits tot war? Über Diese Frage, die sich zu Beginn im "Tatort: Es ist böse" (22.4., 20.15 Uhr, Das Erste) die Ermittler stellen, hat sich auch Axel Petermann schon den Kopf zerbrochen. Der Fall, der diesmal am Sonntagabend erzählt wird, ist eigentlich sein Fall, für den er bei der Bremer Mordkommission ermittelte.

Axel Petermann hatte damals die Aufgabe, die ungewöhnlichen Spuren am realen Tatort zu entschlüsseln. "Spuren offenbaren Entscheidungen, die der Täter getroffen hat. Sie können aber auch seine Emotionen widerspiegeln – Wut, Hass oder auch Zuneigung. Das ist das Spannende an der Tatort-Analyse", erklärt der Kriminalkommissar.

Auch bei Fällen, in denen Petermann nicht selbst ermittelt, wird er als Profiler – im offiziellen Jargon "Zertifizierter polizeilicher Fallanalytiker" – hinzugezogen. "Die Berichte der Kollegen mit ihren Mutmaßungen und Rückschlüssen, auch die Zeugenaussagen möchte ich gar nicht lesen", sagt er. Axel Petermann verlässt sich nur auf die Spuren am Tatort und auf die Verletzungen, die bei der Obduktion der Leiche festgestellt wurden. Der 59-Jährige kennt auch Fälle, in denen der Täter zunächst massive impulsive Gewalt ausübte, sich dann aber beruhigt und sein Handeln offensichtlich bereut hat. In einem Fall etwa legte der Mörder den Körper seines Opfers wie aufgebahrt zurecht, er versuchte seine Tat dadurch symbolisch wieder rückgängig zu machen.

Tatort: Es ist böse - Axel Petermann fungierte als Berater

Doch der Fall im "Tatort" ist anders. Die TV-Kommissare Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Frank Steier (Joachim Król) rätseln, ob es sich um Raubmord handelt – Ramona Försters Tageseinnahmen fehlen – oder ob ein sexuelles Motiv denkbar ist.

Im Laufe der "Tatort"-Folge zeigt sich, dass offenbar ein Serienmörder am Werk ist, der jedes Mal gleichermaßen brutal vorgeht. Um ihren Einsatz möglichst authentisch erscheinen zu lassen, hat Petermann die Schauspieler beraten. Er erzählt, dass sie sich gerne bei ihm absichern, ob ihre Darstellung der Ermittler auch wirklich realistisch ist. Nina Kunzendorf und Joachim Król hatten gleich zu Beginn ihres Engagements beim "Tatort" klargestellt, dass sie ihre Figuren ungern im Privatleben zeigen wollen. Sie möchten die Kommissare darüber charakterisieren, wie sie ihre Arbeit machen.

Da ist es umso besser, als Basis nicht nur spannende Geschichten, sondern echte Polizeiarbeit zu haben: In zwei Büchern hat Axel Petermann (siehe Buchtipp rechts) bereits Fälle wie diesen detailliert geschildert. Auch die beiden Schauspieler haben sie natürlich gelesen. Entsprechend eindringlich und aufschlussreich sind die Szenen, in denen sich die Kommissare Mey und Steier am Ort des Verbrechens in die Denkweise von Täter und Opfer versetzen. Es passiert wieder viel am Tatort im "Tatort".

Und das könnte zum Markenzeichen des Frankfurter Teams werden: Auch die Folge "Der Tote im Nachtzug", in der Frank Steier einen scheinbaren Mord in einem Zugabteil nachstellte, stammte aus Petermanns Erfahrungsschatz, genau wie die nächsten beiden, die auf "Tatort: Es ist böse" folgen. Alles erstaunliche Fälle, bei denen man durchaus annehmen könnte, mit einem Drehbuchautor sei die Fantasie durchgegangen. Am Set ist die Redewendung "Truth is stranger than fiction" oft zu hören – die Wirklichkeit stellt sich oft kruder und unglaubwürdiger dar als Fiktion.

Auch der "Tatort: Es ist böse" wird eine verblüffende Antwort auf die Frage liefern, warum Ramona Förster die Kehle durchschnitten wurde. "Wenn ein Mörder etwas Ungewöhnliches tut, das über das Töten hinausgeht, muss ihm das sehr wichtig sein", sagt Petermann. "Auch wenn es ihm selbst in dem Moment vielleicht nicht bewusst ist." Im realen Fall erfuhr Axel Petermann erst lange nach Abschluss, warum der Täter auf den Hals seiner Opfer fixiert war: Nach der Verurteilung besuchte er den Serienmörder über Jahre im Gefängnis, um mehr über ihn zu erfahren.

Sich jetzt noch einmal mit den eigenen Fällen zu konfrontieren, das ist für Petermann nicht einfach: "Das habe ich beim Schreiben der Bücher gemerkt", sagt er. "Ich dachte immer, ich sei abgebrüht. Doch die Mechanismen, die ich entwickelt hatte – etwa nicht darüber nachzudenken, wie sich das Opfer im Moment des Tötens gefühlt haben könnte – funktionierten nicht mehr. Ich bin nachts aufgewacht, auch tagsüber hat es mich sehr beschäftigt. Da war vieles nicht verarbeitet." Bei "Tatort"-Folgen auf der Grundlage seiner Fälle sollten sich die Zuschauer besser sagen: Ist ja nur ein Film.

Autor: Dirk Oetjen

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