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Paul Potts

Paul Potts hat tatsächlich schon überall gesungen. - Foto: © Andreas Rentz/Getty ImagesFoto: © Andreas Rentz/Getty Images

Zum Kinostart "One Chance"

Interview mit Paul Potts

  • Artikel vom 19. Mai 2014

Man muss ihn einfach mögen: HÖRZU traf Englands Klassikstar Paul Potts in Berlin zum Interview und sprach über große Träume, dunkle Momente und die Magie des Singens.

Dieser Mann hat tatsächlich schon überall gesungen: in der Kirche, beim Kneipenkaraoke, bei seiner Bewerbung als Handyverkäufer und – nach seinem Sieg bei einer TV-Castingshow – vor der Queen, zur Eröffnung der Bundesligasaison oder auch bei einem Flashmob im Hauptbahnhof von Leipzig. Zum Start des Kinofilms "One Chance", der das erstaunliche Leben von Paul Potts erzählt, traf HÖRZU den 43-Jährigen und sprach mit ihm über seine Vergangenheit.


Im Kino: "One Chance"

Typisch britische Sozialkomödie mit James Corden als Paul Potts. Kinostart: 22. Mai 2014


HÖRZU: Der Kinofilm "One Chance" ist kein Biopic, sondern eine Sozialkomödie. Wie sehr waren Sie involviert?

Paul Potts: Die Produzenten hatten zuerst 2008 mit mir darüber gesprochen. Aber das nahm ich gar nicht ernst. Ich habe mich dann mit dem Drehbuchautor zusammengesetzt. Das Einzige, was mir wichtig war: Ich wollte, dass der Film komisch ist. Er sollte keine ernsthafte Dokumentation sein.

HÖRZU: Warum ist der Film so anders als Ihre Autobiografie, die auch gerade erschienen ist?

Paul Potts: Ich wusste, wenn ich mal ein Buch schreibe, dann wird es wirklich dunkle Momente enthalten. Im Film ist es perfekt: Das Thema Mobbing wird berührt, sodass man weiß, da gibt es ein Problem. Aber nicht in so einem Ausmaß, dass es erdrückt.

HÖRZU: Der sexuelle Missbrauch 1985 bei den Seekadetten ist nur im Buch enthalten.

Paul Potts: Ja, denn danach würde man im Kino nicht mehr lachen können.

HÖRZU: Sie wurden zwölf Jahre lang gemobbt. Ist das heute noch präsent?

Paul Potts: Wer Mobbing und Missbrauch in dem Ausmaß mitgemacht hat wie ich, der wird das niemals los, kann das niemals ausschalten. Es beeinflusst alles, was du tust, aber nicht immer in einem schlechten Sinn. Es ist Teil deiner Erfahrungen, es hat dich zu dem gemacht, der du bist. Tatsächlich hat es mir auch geholfen. Als sich 2007 auf einen Schlag mein Leben veränderte, musste ich von einem Moment zum anderen völlig andere Dinge in meinem Leben tun. Und Anpassungsfähigkeit entscheidet manchmal, ob du schwimmst oder untergehst.

HÖRZU: Haben sich Menschen entschuldigt, etwa Ihr Mitschüler Dorian oder Ihre Lehrerin Mrs. Seaby?

Paul Potts: Ich habe die beiden nie wiedergesehen. Mit einigen Menschen, die um Vergebung baten, hatte ich Kontakt. Aber ich glaube nicht, dass Rache süß ist. Ich glaube, sie führt nur zu Bitterkeit und sorgt dafür, dass der Kreislauf der Gewalt sich weiterdreht.

HÖRZU: Wenn Sie jemanden treffen würden, der Ihre Lebensgeschichte nicht kennt: Wie würden Sie sich selbst vorstellen?

Paul Potts: Ich würde sagen: Ich bin ein stiller Typ, sozial unbeholfen. Ich bin der, der üblicherweise in der Ecke sitzt und nicht genau weiß, wie er sich nähern soll. Ich dachte immer, niemand könnte mich lieben. Ich bin still, bis ich richtig abgehe – und dann muss man mir den Mund verbieten. (Lacht.)

HÖRZU: Sie sagen, Sie seien beim Singen in Ihrer eigenen Welt. Wie sieht die aus?

Paul Potts: Das ist schwer zu beschreiben. Ich gehe in eine Welt, die zuverlässig und sicher ist. Es gab viele Phasen in meinem Leben, in denen Singen die einzige Sicherheit war, die ich hatte. Deswegen habe ich es immer als meinen besten Freund beschrieben, meine einzige Konstante im Leben. Das Singen befreit mich. Ich werde dabei oft aus diesem Gefühl des Linkischen herausgeholt.

HÖRZU: Ist es jetzt einfacher für Sie vor dem Publikum in ausverkauften Hallen?

Paul Potts: Grundsätzlich ist es dasselbe Gefühl. Es hat heute aber eine Art von größerer Bedeutung, weil Menschen Geld bezahlen, um mich singen zu hören. Ich versuche, nicht allzu sehr darüber nachzudenken, denn das steigert die Nervenanspannung.

HÖRZU: Haben Sie immer an ihre "One Chance" im Leben geglaubt – jeden Tag?

Paul Potts: Mein Traum war ein unmöglicher Traum. Ich dachte nicht, dass er jemals in Erfüllung geht. Ich habe generell die Hindernisse gesehen, nicht die Möglichkeiten. Heute bin ich nicht mehr ganz so negativ. (Lacht.)

HÖRZU: Sie hatten oft Pech im Leben – Unfälle, einen Tumor. Aber auch Glück: etwa die 10-Cent-Münze, die darüber entschied, dass Sie an "Britain's Got Talent" teilnahmen. Was denken Sie darüber?

Paul Potts: Ich glaube nicht an so etwas wie Schicksal. Du kriegst im Leben die Zutaten, aber du musst den Kuchen selbst backen. Du musst die richtige Methode finden, und zwar in der dir gesetzten Zeit. Sonst wird nichts aus dem Kuchen. Die Botschaft lautet in Film und Buch: Es gibt im Leben viele Hürden, aber wenn du immer weiterläufst, kommst du irgendwann dahin, wohin du willst.

HÖRZU: Sehen Sie heute noch Castingshows?

Paul Potts: Ich sehe mir einige an – und hier in Deutschland gibt es viele! Sie geben den Menschen Chancen. Aber wenn man diese Medien als den einzigen Weg zum Erfolg ansieht, ist das nicht besonders hilfreich.

HÖRZU: Sind Sie ein besserer Sänger als 2007?

Paul Potts: Ich habe gerade in den letzten eineinhalb, zwei Jahren mit einem neuen Lehrer hart an meiner Stimme gearbeitet. Ich habe noch viel zu lernen. Sogar Luciano Pavarotti nahm noch Stunden, kurz bevor er starb. Ich möchte eigentlich nie so gut sein, wie ich es mal werden kann – denn von da an geht es nur noch bergab.

HÖRZU: Sie hatten früher zwei Jobs gleichzeitig, bei den Handelsketten Tesco und Debenhams, mussten nachts arbeiten. Vergleichen Sie das manchmal mit der Arbeit heute: Tour, Album, Promotion …

Paul Potts: Es ist eine ganz andere Art von Arbeit. Ich hatte immer eine starke Arbeitsethik. Ich will mir später nicht sagen müssen: "Ich hätte noch mehr tun können!" Selbst dann ist der Erfolg nicht garantiert. Du musst alles geben. Sonst bist du ein Idiot.

Autor: Oliver Noelle

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