Istanbul - Sehnsuchtsziel vieler Dorfbewohner / Foto © www.piqs.de / Fotograf: Dominik D. , CC (Some rights are reserved.)
Sie kennt den Täter, doch wagt sie es nicht, ihn offen anzuklagen: Die 15-jährige Meryem wurde von ihrem eigenen Onkel vergewaltigt, einem tief religiösen Mann, der weit über die Grenzen seines Dorfes hinaus großes Ansehen genießt. Seine Tat erscheint so unfassbar, dass Meryem beinahe glaubt, sich alles nur eingebildet zu haben. Doch ihre eigene Familie lässt sie das Grauen nicht vergessen: Meryem verbringt viele Tage eingesperrt im Keller, während Vater und Onkel über ihr Schicksal beraten.
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Ihrer Stiefmutter wäre es am liebsten, wenn das Mädchen sich einfach aufhängen würde. Doch Meryem hofft auf ein neues Leben in Istanbul - der großen, faszinierenden Stadt ihrer Träume. Schon öfter sind Mädchen aus dem Dorf nach Istanbul gegangen, wenn sie vergewaltigt wurden. Keine einzige kehrte je zurück, also muss es dort wie im Paradies sein.
Tatsächlich scheint sich Meryems Wunsch zu erfüllen. Ihr Cousin Cemal, dessen Herz im Krieg gegen die kurdische PKK erhärtet ist, soll sie nach Istanbul begleiten. Was das Mädchen nicht ahnt: Sein Auftrag lautet, sie dort von einer Brücke zu stoßen, um die Familienehre zu retten. Für den schwer traumatisierten Ex-Soldaten bedeutet ein Leben so gut wie nichts. Dennoch muss er feststellen, dass es etwas völlig anderes ist, auf Soldaten zu schießen als ein wehrloses Mädchen zu töten. Immer wieder schiebt er das Unvermeidliche hinaus.
Fazit: Der international bekannte Sänger, Regisseur und Schriftsteller Zülfü Livaneli war mehrere Jahre lang Mitglied des türkischen Parlaments und setzte sich dort besonders für die Aussöhnung mit Griechenland ein. Sein literarisch anmutender Roman kann als politisches Plädoyer gelesen werden: für mehr Frauenrechte, gegen das oberflächliche Konsumverhalten der türkischen Upper Class und gegen die Unmenschlichkeit des Krieges. Ein Buch, das nachdenklich stimmt, ohne moralisierend zu wirken.
Zülfü Livaneli: "Glückseligkeit", Rowohlt, 368 Seiten, 8.95 Euro
Autor: Jana Mareike von Bergner
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