Alan Philps, John Lahutsky: "Wolkengänger", Gustav Kiepenheuer, 340 Seiten, Cover © Gustav Kiepenheuer
Vom Staat als lernunfähig abgeschrieben, wachsen in Russland auch heute noch behinderte Kinder unter unvorstellbaren Bedingungen in Heimen auf. Viele von ihnen sterben.
Nicht so der gehbehinderte Wanja (Jahrgang 1990), dem als Frühgeburt von vornherein alle Chancen abgesprochen werden. Der Junge lebt mit seinem besten Freund Andrej im Babyhaus 10 in Moskau. Dort verbringen die Kinder den ganzen Tag in manipulierten Laufstühlen, die sich nicht bewegen lassen. Laufen lernen sie nicht - ebenso wenig wie Sprechen. Die wenigen Spielzeuge stehen unerreichbar hoch im Regal; nach Meinung der Erzieherinnen können die behinderten Kinder ohnehin nichts damit anfangen.
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Während die meisten Jungen und Mädchen nur noch apathisch auf den Mittagsschlaf oder die nächste Fütterung warten, ist Wanjas Lebenswille ungebrochen. Er hat sich selbst das Sprechen beigebracht und sucht immer wieder den Kontakt zu den Erwachsenen, die das Babyhaus besuchen.
Zu ihnen zählt auch die Engländerin Sarah Philps, deren Mann Alan als Korrespondent in Russland arbeitet. Sie möchte ihre freie Zeit dazu nutzen, russischen Waisenkindern zu helfen, und ist ensetzt über die katastrophalen Zustände in den Heimen: So verbringen die Therapeuten und Pfleger ihre Tage lieber mit Rauchpausen, anstatt sich um die Kinder zu kümmern. Viele von ihnen haben die vier Wände ihres Heims niemals verlassen, wissen noch nicht einmal, was die Sonne ist.
Doch es gibt noch schlimmere Orte als das Babyhaus. Werden die Kinder älter als fünf oder sechs, müssen sie einen Test absolvieren. Wie alle anderen kann auch Wanja die Fragen der Prüfer nicht beantworten; schließlich hat er die meisten Dinge, die er auf Fotos benennen soll, noch nie gesehen. Damit ist sein Schicksal besiegelt: Wanja kommt in ein Psycho-Neurologisches Internat. Dort werden die Menschen bis an ihr Lebenende in Gitterbetten aufbewahrt - nackt, mit geschorenen Haaren und ohne Bettzeug liegen sie in ihren eigenen Fäkalien. In dieser unmenschlichen Umgebung verliert Wanja zum ersten Mal alle Hoffnung. Doch einige Verbündete - unter ihnen Sarah und die junge Russin Wika - kämpfen darum, den Jungen aus dieser Hölle zu befreien...
Heute lebt Wanja unter dem Namen John Lahutsky in Pennsylvania in den USA. Er wurde von einer amerikanischen Schulpsychologin adoptiert und besucht die Highschool. Allen Widerständen zum Trotz hat er Laufen gelernt. Gemeinsam mit dem Journalisten Alan Philps, dessen Frau ihm so viele Jahre beistand, hat er seine Geschichte aufgeschrieben - in der Hoffnung, dass dadurch anderen Kindern sein Schicksal erspart bleibt.
Fazit: Diese Biografie rührt zu Tränen. Sie ist zugleich ein Plädoyer für Menschlichkeit und Zivilcourage sowie scharfe Kritik am russischen Staat, in dem auch 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Menschenrechte von Behinderten systematisch missachtet werden.
Alan Philps, John Lahutsky: "Wolkengänger", Gustav Kiepenheuer, 340 Seiten, 19.95 Euro
Autor: Jana Mareike von Bergner
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