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Frank Stauss

Wahlkampfberater Frank Stauss. Foto: © Paul Seitz

Interview mit Wahlkampfberater Frank Stauss

"Wer Macht hat, weiß plötzlich nicht mehr, wem er trauen kann."

  • Artikel vom 08. Januar 2016

In der neuen Politserie "Die Stadt und die Macht" (jeweils zwei Doppelfolgen an drei aufeinanderfolgenden Tagen: 12.1., 13.1. und 14.1.2016, jeweils um 20.15 Uhr und 21.00 Uhr, Das Erste) wird Anna Loos von der Idealistin zur kühl kalkulierenden Karrieristin. Lesen Sie hier das Interview mit Anna Loos in voller Länge.

Ein großer Pluspunkt der neuen Miniserie sind ihre äußerst authentisch wirkenden Drehbücher, in die Erfahrungen und Erkenntnisse des Wahlkampfberaters Frank Stauss einflossen. Stauss arbeitet schon seit 20 Jahren als Coach bekannter Politiker und war etwa für Gerhard Schröder tätig.

Interview mit Frank Stauss

HÖRZU: Wie lange arbeiten Sie schon als Wahlkampfberater?

Frank Stauss: In den letzten 20 Jahren habe ich 26 unterschiedliche Wahlkämpfe begleitet - drei Bundestagswahlkämpfe, sehr viele Landtagswahlkämpfe aber auch die letzten Bürgermeisterwahlen in Hamburg, München und natürlich Berlin.

HÖRZU: Inwiefern haben Sie mitgewirkt an den Drehbüchern zu "Die Stadt und die Macht"?

Frank Stauss: Das Produzententeam hat mich als Berater engagiert, nachdem es mein Buch "Höllenritt Wahlkampf - Ein Insider-Bericht" gelesen hat. Beim Drehbuch habe ich mich auf die Wahlkampfszenen, die Wahlkampfzentrale und auf den Wahlkampfleiter konzentriert - und erklärt, was realistisch ist. Dazu habe ich die Bücher gelesen und sie kommentiert.

HÖRZU: Wie realistisch ist das Resultat?

Frank Stauss: Natürlich ist das ganze kein Dokumentarfilm geworden, aber die Realität ist dramaturgisch verdichtet worden. Die Stimmung hinter den Wahlkampfkulissen ist auf jeden Fall realistisch, denn je näher der Wahlkampf rückt und man gegen die Uhr arbeitet desto nervöser werden alle Beteiligten - selbst wenn man vorne liegt, weil man die Ganze Zeit denkt, es passiere noch etwa Unvorhersehbares. Auch das Verhältnis zwischen Susanne Krömer und ihrem Wahlkampfleiter ist sehr realistisch. Im Laufe der Serie wird es immer enger, dramatischer und spannungsreicher.

HÖRZU: Aber wäre eine Kandidatin nicht besser beraten, ihre Schwangerschaft zu verschweigen? Warum soll das ein Bonus beim Wähler sein?

Frank Stauss: Man würde es definitiv nicht verschweigen. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft diesbezüglich fortschrittlicher ist als vor 20 oder 30 Jahren. Viele Frauen - siehe Ursula von der Leyen - können Beruf, Arbeit und Kind heutzutage verbinden und einer regierenden Bürgermeisterin würde man bestimmt zutrauen, dass sie das organisiert bekommt.

HÖRZU: In der Serie fragt der Wahlkampfberater die Kandidatin, ob es dunkle Flecken gibt in ihrer Biografie. Aber wird die Vergangenheit nicht tatsächlich viel intensiver durchforstet?

Frank Stauss: Am Anfang eines Wahlkampfs steht immer eine Bestandsaufnahme. Dann muss man den Kandidaten klarmachen, dass alles, was sie jemals gemacht haben, thematisiert wird - sobald sie ins Rampenlicht treten. Dazu zählen sogar Dinge wie das Rauchen eines Joints im Alter von 15 oder eine Affäre. Alles, was man als Normalo längst vergessen und verdrängt hat, kommt dann wieder hoch - und man muss sich darüber im Klaren sein, dass es einem schaden kann, selbst wenn es nicht gleich die sprichwörtliche Leiche im Keller ist. Mitunter sind solche Fehler der Vergangenheit überhaupt kein Drama - aber der Kandidat und das Wahlkampfteam müssen unbedingt auf sie vorbereitet sein.

HÖRZU: Warum wird im Wahlkampf so viel Kriegsmetaphorik benutzt?

Frank Stauss: Weil es kein Wahlkuscheln ist.

HÖRZU: Aber es heißt doch nicht "Wahlkrieg"?

Frank Stauss: Stimmt - doch die Metaphern, die sich zum Teil aus der Sprache ergeben, kennen wir auch aus Wirtschaftsetagen und Vereinen. Wenn es um die Wurst geht, wird verbal aufgerüstet und die Wahlkampfteams, die pro Woche täglich bis zu 20 Stunden zusammenarbeiten, bekommen eine Wagenburg-Mentalität und ihr Kampfgeist wird geschürt. Die Teams haben das Gefühl, dass sie in eine Schlacht ziehen mit einer Entscheidungsschlacht am Wahltag.

HÖRZU: Wie wichtig sind Symbole in einem solchen Wahlkampf?

Frank Stauss: Die gibt es immer wieder. Manche Kandidaten bekommen ein Steuerrad überreicht auf dem Parteitag, andere kommen mit dem Besen auf die Bühne, weil sie einen Kehraus machen wollen im Rathaus oder in der großen Politik. Klaus Wowereit hat überall seine Teddys - die Wowi-Bären - verteilt. Er hat drei erfolgreiche Wahlkämpfe bestritten. Tendenziell jedoch entscheiden Gimmicks nicht über den Wahlausgang, aber sie sind ein Bestandteil von einem Ritual.

HÖRZU: Wer hat die besten Chancen im Wahlkampf - pure Pragmatiker oder überbordende Gefühlsmenschen?

Frank Stauss: Unterschiedlich. Olaf Scholz ist ein eher nüchterner Bürgermeister, der einmal eine absolute und einmal fast eine absolute Mehrheit geholt hat. Gerhard Schröder war ein völlig anderer Typ - aber ebenso erfolgreich. Und Frau Merkel wirft auch niemand vor, dass sie zu viel Charisma habe. Insofern kommt es immer auf die Zeit an und auf das Umfeld, welcher Typ gerade gefragt ist.

HÖRZU: Ansatzweise erinnert "Die Stadt und die Macht" an "House of Cards". Wie gefällt Ihnen diese US-Serie?

Frank Stauss: Grandios, sie ist wunderbar besetzt. Ich bin ein großer Politikfan - und ziemlich nahe dran, aber vieles, was in "House of Cards" gezeigt wird, ist mir einfach zu negativ. "Borgen - Gefährliche Seilschaften" ist aus meiner Sicht näher dran an der Realität.

HÖRZU: Vertrauen Sie Politikern?

Frank Stauss: Ja, aber nicht allen. Den Politikerinnen und Politikern jedoch, die ich beim Wahlkampf unterstütze vertraue ich wirklich. Darüberhinaus ist es keine gute Einstellung, die Politik per se durch eine misstrauische Brille zu begutachten. Sie ist ein Spiegel der Bevölkerung - und unterm Strich haben unsere Politiker eine ganze Menge an Vertrauen verdient, weil sie einen verdammt harten Job machen. Sie werden auf Schritt und Tritt beäugt, immer gefilmt, jeder Lapsus wird festgehalten und auf YouTube hochgeladen. Durch die Digitalisierung ist es viel schwieriger geworden, tiefe Botschaften rüberzubringen - weil alles viel schneller geworden ist. Es geht nur noch um schnelle Berichte und eine hohe Klickrate - und selbst seriöse Online-Magazine hauen eine Meldung erst einmal raus, um ihren Wahrheitsgehalt erst später zu recherchieren. Das Wettrennen um ums News ist härter geworden - und die Journalisten und die Politiker spüren diesen Druck gleichermaßen.

HÖRZU: Wie beurteilen Sie die derzeitige politische Lage?

Frank Stauss: Hinter uns liegt eine sehr gleichförmige, monotone, fast auch ein bisschen langweilige Phase in der deutschen Politik. Das ist völlig okay, denn Erholungsphasen gibt es immer wieder. Jetzt jedoch spüren wir durch die Flüchtlingsthematik eine massive Veränderung - und es werden intensivere Erwartungshaltungen an die Politiker formuliert. Insofern ist die Zeit aktuell wahnsinnig spannend.

HÖRZU: Im Film wird gesagt, der Wähler wechsele das Pferd, wenn es ihm "unter dem Hintern krepiere" …

Frank Stauss: Normalerweise lebt der deutsche Wähler ein großes Maß an Kontinuität. Nur wenige Regierungen werden bereits nach einer Legislaturperiode abgewählt und fast immer hat ein historischer Wechsel im Kanzleramt, bis auf einmal, stattgefunden durch einen Wechsel des Koalitionspartners - nicht durch den Wählerwillen. Das beweist, dass die Deutschen sehr kontinuierliche Wähler sind und dass viel passieren muss, damit ein unbekannter Oppositionskandidat auf Anhieb gewinnt.

HÖRZU: Zurück zum Film: Würden Sie einer schwangeren Politikerin, die ihr Kind verliert, wirklich raten, den Wahlkampf fortzusetzen?

Frank Stauss: Das würde ich ihr selbst überlassen. Ich würde ihr aber niemals raten, den Verlust zu verschweigen - das wäre völlig absurd. Aus dramaturgischen Gründen kann so etwas in einer TV-Serie notwendig sein, doch in der Realität ist es das nicht. Letztlich jedoch müssen all diese Dinge die Kandidaten und Kandidatinnen selbst entscheiden. Als Wahlkampfberater gebe ich nur einen Rat.

HÖRZU: Wie oft sind Sie - wie der Wahlkampfberater von Susanne Krömer - körperlich geschlagen worden von einem Kandidaten?

Frank Stauss: Noch nie. Vielleicht, weil ich 1,91 Meter groß bin.

HÖRZU: Dann jedoch wäre immerhin ein Tritt in den Hintern möglich gewesen, oder?

Frank Stauss: Klar. Es fliegen schon die Fetzen, aber zu körperlichen Auseinandersetzungen ist es noch nicht gekommen. In Stresssituationen hätte bestimmt schon mal ein Kandidat mit einem Plastikbecher nach mir geworfen - oder umgekehrt. Aber passiert ist es noch nie.

HÖRZU: Kann ein Politiker die Wahlstimmung wirklich mit einer einzigen Rede herumreißen?

Frank Stauss: Ja. Oskar Lafontaine etwa hat Rudolf Scharping auf dem Mannheimer Parteitag der SPD 1995 mit einer spontanen Rede herausgefordert und anschließend ebenso spontan abgelöst. Insofern gibt es tatsächlich Reden, die zur richtigen Zeit einen Wendepunkt einleiten können.

HÖRZU: Was war Ihr bislang spannendster Wahlkampf?

Frank Stauss: 2005 - Gerhard Schröder gegen Angela Merkel. Damals gab es vorgezogene Neuwahlen, vorausgegangen war eine große Regierungskrise: Es gab fünf Millionen Arbeitslose, die SPD lag bei 26 Prozent, die CDU bei 48 Prozent. Am Ende ging es 34 zu 35 aus. Das war wirklich ein Drama - weil wir, also Schröders Wahlkampfteam, am Wahltag glaubten, dass wir acht Prozent hinter Merkel lägen. Tatsächlich war es nur ein Prozent. Die Emotionen, die dadurch freigesetzt wurden, konnte man anschließend in der Elefantenrunde sehen, als Schröders Testosteron am Überkochen war. Ich hatte mich auch nicht mehr im Griff - aber zum Glück musste ich damals nicht vor eine Kamera treten.

HÖRZU: Wie verändert die politische Macht Menschen?

Frank Stauss: Sehr, denn das Umfeld verändert sich zuerst. Die Menschen begegnen Politikern, die eine Wahl gewonnen haben, anders als zuvor - sie gehen völlig anders mit ihnen um. Plötzlich gibt es jede Menge Schleimer und man weiß nicht mehr, wem man wirklich trauen kann. Das Bild von der Einsamkeit an der Spitze ist durchaus zutreffend. An diesem Punkt ist es ganz wichtig, sich dessen bewusst zu sein und sich Freiräume zu schaffen, um als Politiker und Amtsinhaber geerdet zu bleiben.

HÖRZU: Aber wie sehen diese Freiräume konkret aus?

Frank Stauss: Man kann sich Freiräume im Freundeskreis schaffen und im Bekanntenkreis und sich einfach hin und wieder eine Auszeit nehmen, um man selbst zu sein - und ohne Sorge zu haben, dass alles sofort in der Presse landet. Als Thomas de Maizière kürzlich mal drei Tage auf Mallorca war, wurde er sofort von der Bildzeitung gegrillt. Aber wie sollen unsere Politiker funktionieren, wenn sie überhaupt nicht mehr einen Gang runterschalten können? Die größte Mär ist, dass Politiker an die Macht wollen, um reich zu werden. Das ist alles Quatsch. Ich habe noch nie einen einzigen Menschen getroffen, der in die Politik gegangen ist, um Geld zu verdienen. Nicht einen.

HÖRZU: Wohl aber, um Macht zu bekommen?

Frank Stauss: Um Dinge zu verändern. Macht ist per se ja nichts Schlechtes. Man braucht sie, um Dinge zum Guten zu verändern. Deshalb wird man gewählt. Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir nicht in eine Situation kommen , in der die politischen Jobs niemand mehr machen will.

HÖRZU: Wie wichtig ist es, einen Partner zu haben, wenn man eine Wahl gewinnen will? Würde einem Single, der Kanzler werden will, nicht unterstellt, dass er partnerschaftsunfähig sei?

Frank Stauss: Das persönliche Umfeld ist grundsätzlich wichtig - egal, ob es ein Lebenspartner ist oder der Freundeskreis oder der Ehepartner. Ich habe durchaus schon Beziehungen zerbrechen sehen an dieser Aufgabe. Und es gab schon Ministerpräsidenten, die Single waren - etwa Bernhard Vogel.

HÖRZU: Welches war Ihr bislang unerwartetes Ereignis während eines Wahlkampfs?

Frank Stauss: Der 11. September 2001 während des Wahlkampfs in Berlin. Das war der größte Einschnitt, den ich jemals - mitten im Wahlkampf - erlebt habe. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center gab es lange eine Lähmung, eine Ungläubigkeit und das Gefühl, dass der Wahlkampf völlig unwichtig ist - wobei wir kurz zuvor noch geglaubt hatten, dass er das Wichtigste auf der Welt wäre.

HÖRZU: Wie wichtig ist es, dass Sie das politische Programm Ihres Kandidaten selbst nachvollziehen können?

Frank Stauss: Wichtig. Ich muss nicht alles toll finden, aber tendenziell schon. Und es gibt natürlich ganz klar Dinge, die ich nicht mache - etwa gegen Minderheiten oder Ausländer zu poltern. Alles, was extremistisch ist, mache ich nicht mit. Ich kann verstehen, wenn Politiker andere Ideen von der Steuergesetzgebung haben als ich oder von der Wirtschaftspolitik - aber wenn jemand seinen Wahlerfolg auf der Missgunst gegenüber anderen aufbauen will, bin ich raus. Außerdem muss immer klar sein, dass jemand nicht anfängt, wild verbal um sich zu schlagen, wenn er kurz vor einer Niederlage steht.

HÖRZU: Was reizt Sie mehr - ein Wahlkampf mit Erfolgsaussischten oder einer, bei dem Sie das Ruder herumreißen müssen?

Frank Stauss: Ich gewinne gern - aber es ist immer die größere Herausforderung, das Unmögliche zu schaffen. Ich kenne Wahlkampfberater, die einen Job nur annehmen, weil sie ihn für eine sichere Bank halten - und nachdem sie zuvor alles Mögliche abgeklopft haben. Das reizt mich überhaupt nicht. Ich werde meistens geholt, wenn es Probleme gibt und nicht, wenn bereits alles klar ist.

HÖRZU: Welchen Wahlkampf begleiten Sie als Nächstes?

Frank Stauss: Den Wahlkampf von Michael Müller in Berlin im September 2016 und von Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz. Dort wird Mitte März gewählt und es ist angesichts der großen Verschiebungen in der politischen Landschaft eine Gleichung mit sehr vielen Unbekannten. Sehr, sehr spannend.

Autor: Mike Powelz

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