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Der Palazzo Balbi am Canal Grande in Venedig.

Der Palazzo Balbi am Canal Grande in Venedig. - Foto © picture alliance / Arco Images

Im TV: 02.01., 17.35 Uhr, Arte

Verborgenes Venedig

  • Artikel vom 02. Januar 2013

Venedigs Prachtfassaden sind weltberühmt. Das Leben dahinter – verborgen. Die Arte-Reportage "Verborgenes Venedig" (siehe TV-Tipp rechts) zeigt die Palazzi von innen. Und ihre Bewohner.


TV-Tipp

"Verborgenes Venedig" - Teil 1 der Reportage
02.01.2013, 17.35 Uhr, Arte
Teil 2 und 3: 3. und 4.1., 17.35 Uhr


Auch wenn man zum Herzen dieser Stadt vordringen möchte, zum gut gehüteten Leben hinter den Kulissen der prächtigen Palazzi, an Orte, die eigentlich kein Normalsterblicher zu Gesicht bekommt – man stößt immer wieder auf Kanäle, Kanäle, Kanäle. Auch wenn man Menschen treffen möchte, die in diesen uralten Häusern wohnen oder arbeiten, Reiche und Adlige, Geschäftsleute, Enthusiasten und Paradiesvögel – man trifft immer auf Wasser. Keine Stadt wird so davon geprägt wie Venedig. Jeder Blick aus dem Fenster, jeder Schritt vor die Tür, jeder Gang von einem Ort zum anderen führt ins Blaue, Blau-Grün-Graue.

175 Kanäle gibt es in Venedig, 38 Kilometer Lebens- und Verkehrsadern auf dem Wasser. Ob das nun eine breite ist wie der Canal Grande, lebendig voll Gondeln und Motorbooten. Oder eine kleine, schmale, verschlafene die in jeder anderen Stadt ein Gässchen wäre – nur dass sich hier eine von 400 Brücken übers Wasser wölbt und plötzlich hinter den Dächern ein Kreuzfahrtschiff durchs Bild zieht wie ein schwebendes Hochhaus. Die vielen Kanäle – das ist das typische Venedig. Jeder kennt den Markusplatz, die Rialtobrücke, also die große Bühne der Stadt.

Was Dokumentarfilmer Lutz Gregor jetzt auf dem Kulturkanal Arte vorstellt, ist etwas anderes, Seltenes: ein Blick hinter die Kulissen. Venedig von innen (siehe TV-Tipp rechts). Gregor durfte mit seiner Kamera sogar in den prachtvollen, aber maroden Palazzo Papadopoli aus dem 16. Jahrhundert. Eine der Decken hat die Künstlerlegende Giovanni Battista Tiepolo ausgemalt. Zahlreiche andere große Meister haben im Haus wertvolle Kunst hinterlassen. Unbezahlbar. Der Palazzo verfügt über einen eigenen Ballsaal und eine Kapelle.

Der venezianische Adel häufte vor 500 Jahren durch Handel nicht nur ungeheure Vermögen an, er war auch fromm. Graf Gilberto Arrivabene Valenti, der heutige Eigentümer des Palazzo, wusste lange kaum mehr, wie er den Unterhalt des Hauses bezahlen sollte. Die Restaurierung der Raffaels und Tintorettos. Die Ausbesserung des Gebäudes, das auf verrottenden Holzpfählen steht wie alle anderen auch. Es bröckelte an allen Ecken und Enden. Dann hatte der Graf eine Idee: Er machte einen Deal mit einem Investor aus Singapur. Dieser entkernt das Renaissancegebäude nun vom Keller bis zum Dach und baut es neu auf. Totalrenovierung.

Im Haus werden einige Apartments gebaut – als Hotelräume für den internationalen Geldadel. Die Grafenfamilie bleibt Eigentümerin und darf mit ihren fünf Kindern weiterhin im Haus wohnen – muss aber darüber hinwegsehen, dass überall modernste Soundsysteme angebracht wurden. Dass auf neuen Wandgemälden nun chinesische Landschaften und Leute zu sehen sind. Dass sie selbst den reichen Gästen als lebendes Inventar vorgeführt wird: ein echter Graf aus altem Geschlecht, sozusagen im Preis inbegriffen.

Brillante Glaskunst

Nichts gegen Asiaten, sagt Graf Arrivabene. "Aber die unaufhaltsame Vermehrung chinesischer Läden in Venedig muss aufhören." Etwa an der Rialtobrücke, wo ein Geschäft neben dem anderen in China gefertigte Imitate venezianischer Glaskunst verkauft. Gräfin Arrivabene, geborene Prinzessin von Savoyen, bringt es auf den Punkt: "Wir verkommen zu einem chinesischen Disneyland." Im Original sind die Erzeugnisse der venezianischen Glasbläser berühmt und nicht ganz preiswert. Auch heute werden hier Kunstwerke produziert, in Werkstätten, die sich in Familienbesitz befinden und teils bis ins 13. Jahrhundert zurückgehen.

Noch immer lockt die prächtige Stadt jährlich mehr als 20 Millionen Touristen an, noch immer ist sie für Liebespaare das klassische Flitterwochenziel – doch immer mehr verfällt sie. Wer sie retten will, muss Fantasie haben. Im alten Arsenal etwa, wo einst mehr als 10.000 Arbeiter wie am Fließband venezianische Kriegsschiffe bauten, entwickelt sich heute eine Kunst- und Wissenschaftsszene. Ein interessanter Wandel, denn das friedlich Forschende passt nicht zum historischen Selbstbild der Stadt: Schon vor 1200 Jahren verschaffte sie sich mit politischer und kaufmännischer Aggressivität ein Handelsmonopol zwischen Europa und dem Orient. Und die Kriegsmarine beschützte ihre Schiffe gegen Piraten.

Venedig, in seiner Glanzzeit mit 180.000 Einwohnern etwa so groß wie heute Saarbrücken, stieg auf zu einer Großmacht. Die Stadt und ihre mächtigsten Familien häuften gigantischen Reichtum an, und sie zeigten gern, was sie hatten. Ein Palast nach dem anderen entstand am Canal Grande, und einer wurde prächtiger als der andere. Gotik, Renaissance, Barock – der Baustil wechselte, aber der verschwenderische Luxus im Inneren blieb immer gleich. Die berühmtesten Künstler ihrer Zeit malten Fresken, formten Skulpturen. Und als der Platz in der Stadt nicht mehr ausreichte, ließen die führenden Adelsfamilien sich vor ihren Toren luxuriöse Landhäuser bauen.

Das heutige Venedig

Der Bruch kam im Jahr 1498, als der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama den Seeweg nach Indien entdeckte. Damit war das Handelsmonopol Venedigs gebrochen, der Niedergang der Stadt begann. Gewürze und Seide aus dem Orient kamen nun nicht mehr nur über die Lagunenstadt. Was aber ist Venedig heute? "Ohne Zweifel eine morsche Stadt", sagt Filmemacher Lutz Gregor. Die edlen Palazzi sind noch da, die alte Pracht zieht noch immer Geldund Blutadel an, dazu Maler und Schriftsteller wie Donna Leon (siehe weiter unten).

Alles Leute von Kultur, meist auch von Wohlstand. Wer aber kann das Geld aufbringen, die historische Glorie zu retten? Das Arte-Team besuchte auch den Palazzo Malipiero und seine Besitzerin Anna Barnabò. Das Haus geht auf das 12. Jahrhundert zurück und ist unsagbar prächtig ausgestattet. Casanova soll hier erste erotische Erfahrungen gemacht haben. Der wunderbare Garten mit Blick auf den Canal Grande gilt selbst in Venedig als einzigartig. Anna Barnabò, mit Charme und Bildung gesegnet, lebt allein in dem riesigen Palast und hängt ihren Erinnerungen nach. Einst war hier eine halbe Hundertschaft Bediensteter tätig, ihr ist ein einziger Diener geblieben ("Ich bin Koch, Servierer, ich empfange die Gäste, ich mache alles.").

Viele der Spiegel sind fleckig, breite Risse ziehen sich durch die Wände. Frau Barnabò vermietet Räume, im legendären Garten dürfen gegen Geld Empfänge gegeben werden. Wie schön, mit einem Glas Champagner in der Hand auf den Kanal zu blicken. Wie schön, dass man dafür nicht mehr Graf sein muss. "In Venedig haben sich die Standesunterschiede sehr stark abgeschliffen", sagt Filmer Lutz Gregor. "Es ist auch eine sehr humane Stadt. Und eine autofreie. Wenn die Touristen abends im Hotel sind, ist es hier still wie in einem Dorf."


Donna Leon: "Wo mein Venedig am schönsten ist"

Die amerikanische Bestsellerautorin und Erfinderin des Commissario Brunetti lebt seit rund 30 Jahren in der Lagune: "Hier ist es wunderbar!" Die Schriftstellerin liebt ganz Venedig – mit all seinen Facetten. Und doch gibt es Orte, die über alles hinausragen: etwa die Kirche San Giacomo dell’Orio mit jener grünen Marmorsäule, die einst in Byzanz stand. Oder den Campo Santa Maria Formosa vor der Marienkirche. Besonders mag Leon das Teatro La Fenice, das große, berühmte Opernhaus Venedigs. Überhaupt: die Musik! Donna Leon unterstützt das Orchester Il Pomo d’Oro, das erst im Jahr 2012 gegründet wurde und Spitzenmusiker aus aller Welt vereint. Die Bar Cantina Do Mori ist immer für einen Drink gut. Im Museum des Palazzo Fortuny sind die Stoffe, Ölgemälde und Bühnenbildmodelle sehenswert. Letzter Tipp der Krimiautorin: natürlich die stimmungsvolle Friedhofsinsel San Michele.

Autor: Walter Karpf

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