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Dergin Tokmak ist gelähmt, aber trotzdem ein erstklassiger Tänzer.
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BR-Doku ''Lebenslinien'': Dergin Tokmak ist gelähmt, aber trotzdem ein erstklassiger Tänzer. / Foto: © BR/Jana Jungk

Mit Krücken auf die Bühne

Tänzer Dergin Tokmak in der BR-Doku ''Lebenslinien''

  • Artikel vom 10. Dezember 2012

Auf Stelzen wirbelt er herum. Wie schwerelos schwingen seine Beine, wie eine Schlange bewegt sich sein Körper. Er wird eins mit der Musik. Als Zuschauer schwingt man mit, möchte tanzen wie er, vergisst, dass die Stelzen Krücken sind und die Beine des Tänzers kraftlos wie Puppenglieder. Als die Musik verstummt, schaut man verblüfft auf diesen Mann. Und spürt: Man hat etwas Besonderes erlebt.

Dergin Tokmak kann nicht laufen. Aber er tanzt. Über die Bühnen, durch sein Leben. Seine Augen strahlen, sie sagen: "Ja, ich bin behindert. Aber seht her, was ich kann."Und: "Das Leben ist so schön." Es war ein langer Weg für ihn auf die Bühnen dieser Welt – und zu dem Glück in seinen Augen.

Tanzen wie im Film

1974, als er ein Jahr alt war, hatten ihn seine Eltern, türkische Gastarbeiter, im Sommerurlaub mit in ihr kleines Heimatdorf in der Nähe des Schwarzen Meeres genommen. Dort gab es keinen Strom, keine Wasserversorgung. Nach der Rückkehr erbrach sich der Junge, Fieber schüttelte ihn. Ein Arzt stellte fest: Dergin hatte sich mit Polio infiziert – Kinderlähmung. Niemals würde er laufen können. Seine Eltern waren verzweifelt.

Dergins Kindheit – das waren Krankenhäuser, Sehnenverpflanzungen, Hüftoperationen, Rehas – und eine Schule für Körperbehinderte. "Jedes Mal, wenn ich wieder eine Operation hinter mir hatte, ging es von vorn los", erinnert er sich. "Ich könnte heute noch das Zimmer im Krankenhaus malen: ein Bett, ein Fenster, dazwischen stand immer meine Mutter."

Während sein Bruder Derya, seine Cousins und die coolen Jungs aus der Clique später Breakdance lernen, bleibt Dergin stiller Beobachter. Die anderen haben Freundinnen, er ist allein. "Heute weiß ich: Man kann nur geliebt werden, wenn man sich selbst liebt." Eines Tages legt sein Cousin Fehzo einen Film in den Videorekorder: "Breakin’", ein Breakdance-Drama. 20 Sekunden lang nur ist die Szene, die Dergin den Atem raubt: ein junger Mann tanzt auf Krücken. Sein Cousin sagt: "Das kannst du auch!"

Wochenlang üben die beiden zusammen. Fehzo zeigt ihm die lässigen Bewegungen – wie man sich auf dem Rücken dreht, im Handstand tanzt. Eines Tages, als alle seine Freunde im Jugendhaus Augsburg auf der Tanzfläche stehen, schubst Fehzo ihn dazu, sagt: "Das kannst du doch besser als alle anderen!" Dergin tanzt, die Leute klatschen wild. "Es waren vielleicht nur 30 Sekunden, aber im Nachhinein denke ich: In diesem Moment hat mein Leben erst begonnen. Mein Leben ist Tanz."

Tagsüber lernt Dergin den Beruf des technischen Zeichners, abends wird er zum Tänzer. Er wirbelt auf seinen Krücken herum, wird zu Stix – wie er sich auf der Bühne nennt. Als er 17 ist, geht er mit seiner Hip-Hop-Gruppe II Hype Dancer auf Tour – als Vorgruppe der US-Hip-Hop-Stars Run DMC. Später tanzt er bei der Augsburger Truppe DA F.U.N.K. Doch dann erreicht ihn völlig überraschend ein Anruf des berühmten Cirque du Soleil: Dergin soll in der Show tanzen. "Das war wie ein Sechser im Lotto", sagt er noch heute.

2000 Abende lang wird er in der Zirkusshow zum hinkenden Engel, der dem gefallenen Ikarus den Lebensmut zurückgibt. Fünf Jahre lang trainierte er so hart wie nie, tanzte die Rolle seines Lebens auf vier Kontinenten. "Ich hatte das Gefühl, fliegen zu können", sagt Dergin. "Es waren nur vier Minuten, aber keiner weiß, wie viel Training sich dahinter verbirgt, wie viele Jahre. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich gestürzt bin."

Dergin Tokmak, 39. Ein Kämpfer. Angekommen in seinem eigenen Leben und zufrieden mit seinem Schicksal. Vergangenes Jahr kam er in der TV-Show "Das Supertalent" ins Finale, er schrieb ein Buch, tourte als Tänzer durch die Welt. Sein Tanz gibt vielen Menschen Mut. Seine Botschaft an alle, denen ein Ziel unerreichbar scheint, lautet: "Gebt nicht auf, bleibt dran, beißt die Zähne zusammen! Ihr schafft das!"

Das sagt er sich selbst, jeden Tag. Etwa wenn er den einarmigen Handstand auf Krücken übt. Während er fällt und wieder aufsteht. Irgendwann wird es ihm gelingen, er weiß es: Irgendwann wird er nur noch auf einer Krücke stehen und die andere stolz hoch in die Luft strecken.


Sendehinweis: ''Lebenslinien: Der hinkende Engel''

Dokumentation über den Tänzer Dergin Tokmak
Mo, 10.12., BR, 21.45 Uhr

Autor: Silke Pfersdorf

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