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Supertier-Moderator Dirk Steffens und Storch Gustav.
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Supertier-Moderator Dirk Steffens und Storch Gustav., der seinen Sinn für die Navigation zwischen Schnabel und Auge trägt. - Foto © ZDF und Rico Rossival

Im TV: ''Terra X'', 27.01., 19:30 Uhr, ZDF

Supertiere: Die Scharfsinnigen

  • Artikel vom 26. Januar 2013

Ich sehe was, was du nicht siehst: Bei der Wahrnehmung der Welt sind uns Katze, Elefant und viele andere Tiere haushoch überlegen. Das zeigt Moderator Dirk Steffens in einer weiteren "Supertiere"-Folge (siehe TV-Tipp rechts).

Eigentlich kommt der Mensch mit seinen fünf Sinnen ganz gut zurecht. Er sieht, hört, riecht, tastet und schmeckt. Das reicht für den Alltag. Gegen viele Tiere wirkt er trotzdem wie ein Stümper. Sie nehmen die Welt wahr, wie sie uns für immer verborgen bleibt – mit Tausenden Augen, hochempfindlichen Sensoren oder rätselhaften Zellen, die Elektrizität spüren. Ihre Tricks dienen einem einzigen Zweck: sich Vorteile fürs Überleben zu sichern. Eine neue ZDF-Doku mit Dirk Steffens ("Terra X" Supertiere. Teil 2: Die Scharfsinnigen, 27.01.2013, 19:30 Uhr, ZDF) stellt solche Meister der Sinne vor.

Woher wissen Forscher überhaupt, wie ein Tier die Welt wahrnimmt? Mit Experimenten und Langzeitbeobachtungen kommen sie dem Rätsel auf die Spur. Im Rostocker Marine Science Center etwa erforschen Biowissenschaftler die Sinne des Seehunds. Moe, Filou und Sam heißen drei der insgesamt neun tierischen "Assistenten".

Ihre ungefähr 20 Zentimeter langen Barthaare, Vibrissen genannt, erfassen selbst feinste Wasserbewegungen. Ein Fisch schlägt mit der Schwanzflosse – schon hat der Jäger die Beute entdeckt, schätzt Größe, Form und Geschwindigkeit exakt ein. Bei einem spielerischen Versuch schwammen Seehunde mit geschlossenen Augen und Ohren, allein die Barthaare konnten sie einsetzen. Trotzdem folgten sie einem ferngesteuerten Mini-UBoot, das drei Minuten zuvor durchs Testbecken gefahren war. Die Bartsensoren "ertasten" jede Wirbelspur. Das klappt in trübem Wasser und sogar bei totaler Dunkelheit.

Jäger unter Strom

Wissenschaftliche Versuche entlarvten auch ein besonderes Talent des Hammerhais: Er spürt Beutefische mit speziellen Sinnesorganen am Kopf auf. Diese Lorenzinischen Ampullen reagieren auf schwache elektrische Felder, die jedes Lebewesen erzeugt. Forscher versteckten verlockende Beute unter einer Isolierfolie – der Hai schwamm prompt vorbei. Eine im Sand vergrabene Batterie hingegen fand er problemlos. Wie mit einem Metalldetektor sucht der Hammerhai den Meeresboden nach Tieren ab, die sich dort verstecken.

Die Experimente deuten darauf hin, dass der Supersinn, bestehend aus dünnen, gelgefüllten Kanälen und Höhlen, sogar noch mehr kann. Er reagiert offenbar auf das Magnetfeld der Erde und wirkt wie ein Kompass im Kopf. Und er misst Temperaturunterschiede von bis zu einem Tausendstel Grad.

Zu den verblüffendsten Supertieren gehört der Fangschreckenkrebs. Elektronenmikroskope enthüllen, dass seine Komplexaugen aus jeweils bis zu 10.000 Einzelelementen bestehen. Gleich zwölf verschiedene Arten von Lichtsinneszellen sind darin für die Farbwahrnehmung zuständig. Der Mensch hat nur drei. Während wir die Welt einfach bunt sehen, muss sie für den Fangschreckenkrebs geradezu vor Farben explodieren. Hilft das bei der Beutesuche im Korallenriff, wo viele Tiere ein buntes Tarnkleid tragen?

Selbst Wissenschaftler können sich nicht annähernd vorstellen, was der bis zu 30 Zentimeter große Krebs alles wahrnimmt. Er sieht im ultravioletten Bereich, wandelt polarisiertes Licht um, nutzt Farbfilter für verschiedene Wellenlängen. Da kommt selbst die Technik modernster Fotoapparate nicht mit. Und wozu der Aufwand? Vermutlich verständigen sich die Tiere mit Farbsignalen. Eine schillernde Sprache, die niemand entschlüsseln kann.

Für Katzen machen solche Fähigkeiten keinen Sinn. Farben? Uninteressant. Mäuse sind sowieso grau. Mieze geht aber gern in der Dämmerung auf Streifzug und braucht deshalb vor allem lichtempfindliche Augen. Wenn wir längst im Dunkeln tappen, schnappt sie sich problemlos jedes vorbeihuschende Nagetier. Die raffinierte Konstruktion ihrer Augen sorgt dafür, dass sie bei schlechten Lichtverhältnissen sechsmal besser sieht als wir. Erreicht wird das durch eine besonders hohe Dichte an sogenannten Stäbchen, die in der Netzhaut noch schwächste Helligkeitssignale registrieren. Außerdem wirft eine spezielle Zellschicht das Licht zurück und verstärkt es so. Deshalb scheinen Katzenaugen im Dunkeln zu leuchten.

Ihre genaue Erforschung zeigt allerdings auch, wo die Entschlüsselung der Supersinne an Grenzen stößt: Tiere dürfen nicht im Dienst der Wissenschaft leiden. Das jedoch tun sie, wenn Forscher etwa die Verarbeitung der Sehreize im Gehirn mit Elektroden messen.

Brummende Dickhäuter

Einen anderen Weg wählten deshalb Kognitionsbiologen der Universität Wien. Sie untersuchten jetzt den Kehlkopf einer Elefantenkuh, die im Zoo eines natürlichen Todes gestorben war. Wie erzeugen die Dickhäuter ihren Infraschall, mit dem sie sich über Kilometer hinweg verständigen? Menschen können das Brummen von rund 16 Hertz gar nicht wahrnehmen, weil es unter ihrer Hörschwelle liegt. Im Labor leitete das Team um Dr. Christian Herbst Luftströme über die Stimmbänder im Kehlkopf – und erzeugte damit Töne, die jenen lebender Elefanten glichen. "Aktive Bewegungen wie beim Katzenschnurren sind nicht nötig, um die extrem tiefen Infraschall-Laute zu produzieren", erklärt Dr. Herbst.

Genau wie beim menschlichen Sprechen versetzt Atemluft die Stimmbänder in langsame Schwingungen. Die Geheimsprache hilft bei der Kommunikation über weite Entfernungen. Experten vermuten, dass Elefanten die Schwingungen zusätzlich mit ihren Füßen "hören" können. Weil sich Infraschall besonders gut im Boden verbreitet, sind die Tiere vorgewarnt, wenn beispielsweise ein Beben oder eine Tsunamiwelle naht. Das wäre eine Erklärung für ihren oft diskutierten "sechsten Sinn".

Auch andere zuvor rätselhafte Fähigkeiten der Supertiere lassen sich mittlerweile entschlüsseln. Wie spürt die Grubenotter bloß Beute auf, die perfekt getarnt ist und regungslos daliegt? Sie nimmt etwas wahr, das kein Opfer verbergen kann: die Wärme des Körpers. In kleinen Vertiefungen am Oberkiefer sitzen hochempfindliche Detektoren, die der Schlange ein dreidimensionales Wärmebild vemitteln.

Und wie jagt die Fledermaus in völliger Dunkelheit? Sie verfügt über ein eingebautes Ortungssystem. Dazu stößt sie extrem hohe Ultraschallsignale aus und fängt dann das zurückgeworfene Echo mit ihren großen Ohrmuscheln auf. Größe, Form, Entfernung, Bewegung – all das erkennt sie noch bei winzigsten Insekten. Wer so gut hören kann, braucht keine Superaugen.

Weltreisende mit Kompass

Verblüffenderweise bleibt ausgerechnet das am besten erforschte Phänomen rätselhaft. Wie orientieren sich Zugvögel bei ihren Reisen über Tausende Kilometer? Fest steht: Sie können das Magnetfeld der Erde wahrnehmen. Werden die Tiere einem künstlichen Magnetfeld ausgesetzt, richtet sich ihr innerer Kompass danach aus. Auch Meeresschildkröten finden so nach Jahren problemlos den Strand wieder, an dem sie einst geboren wurden.

Bei einigen Insekten und sogar Karpfen wurden Hinweise auf einen ähnlichen Magnetsinn entdeckt. Doch wo genau sitzt der? Lange Zeit vermuteten Forscher den "Kompass" der Zugvögel und Tauben im Schnabel. Eisenhaltige Nervenzellen könnten bei der Orientierung helfen. Doch neue Studien eines Wiener Neurobiologenteams scheinen das zu widerlegen. "Die eisenhaltigen Zellen im Schnabel der Taube sind Makrophagen, also Fresszellen, die für die Immunabwehr zuständig sind", erklärt David Keays, der Studienleiter. "Jetzt müssen wir weiter nach dem wahren Magnetsinn der Vögel suchen." Nicht alle Supertiere geben ihr Geheimnis preis.

Autor: Kai Riedemann

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