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Hollywood-Star Rupert Everett adelt den Pilcher-Weihnachtsfilm.
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Hollywood-Star Rupert Everett adelt den Pilcher-Weihnachtsfilm ''Die zweite Frau''. / Foto: © ZDF und Stephen Morley

Set-Besuch und Interview zum ZDF-Weihnachtsfilm

Rupert Everett im Pilcher-Zweiteiler ''Die andere Frau''

  • Artikel vom 23. Dezember 2012

Würde ein Maler das britische Landleben auf ein einziges Motiv verdichten, es käme ein Bild heraus wie hier in Neston Park unweit des Kurortes Bath: ein stilvolles Herrenhaus mit weitläufigem Park. Im Eingang stehen Gummistiefel, eine Freitreppe führt ins Obergeschoss, in der Bibliothek drängen sich ledergebundene Buchrücken dicht an dicht. Was dieser Bildausschnitt nicht zeigt, ist die Kälte, die in dem Gemäuer nistet.

"Vor allem die Feuchtigkeit kriecht dir in die Knochen", sagt Hauptdarstellerin Natalia Wörner und schließt den Steppmantel dicht um ihr zartes Cashmereplaid. Was genauso wenig deutlich wird, ist der Aufwand, mit dem Regisseur Giles Foster seine Filmbilder komponiert. Wieder und wieder drehen sich die Ballerinen im Ballsaal, immer wieder lässt Rupert Everett seinen Gesichtsausdruck von leutselig zu durchtrieben changieren.

Britisches Flair, schöne Menschen, eine Geschichte von Liebe und Verrat: ''Die zweite Frau'', der große Pilcher-Film zu Weihnachten, enthält wieder alles, was das Suchtpotenzial der Marke ausmacht. Aber was ist noch "Original Pilcher" in den gepflegten Dramen, die wie im Goldrand daherkommen? Die Autorin ist mittlerweile eine betagte Dame von 88 Jahren. Seit ihr Gatte verstorben ist, lebt sie zurückgezogen in Schottland und mag nichts Neues mehr schreiben.

Glanzvolle Besetzung

Schon lange werden Fragmente und kleinste Skizzen ihres Werks professionellen Autoren zum Weiterdichten anvertraut. Basis für "Die andere Frau", so beteuert der Münchner Produzent Rikolt von Gagern, ist ein Fragment von 25 Seiten, das von einem Drehbuchautor zu einem Zweiteiler ausgesponnen wurde. Von Gagern: "Zwischen so einer Skizze und einem Roman liegen Welten."

Seit 1996 der erste Pilcher-Film mit Staraufgebot lief – „September“ mit Jacqueline Bisset –, will das ZDF auf solche international besetzten Höhepunkte zu Weihnachten nicht mehr verzichten. Garantierte Zutaten: stimmungsvolle Schauplätze und glanzvolle Namen, die sich weltweit vermarkten lassen. Die deutschen Schauspieler müssen deshalb perfekt Englisch sprechen können. Für Natalia Wörner kein Problem: "Du musst so sicher sein, dass du gar nicht mehr drüber nachdenkst."

Neben Wörner und Everett wurden für weitere Hauptrollen der Schotte John Hannah ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall") sowie die Kanadierin Hilary Connell gewonnen. In bis zu 90 Länder soll der Film verkauft werden – ein starkes Argument auch für Rupert Everett, dessen Hollywood-Glanzzeiten einige Jahre zurückliegen.

Grandezza und Trauer

Nächste Szene, Ruhe bitte. Natalia Wörner schält sich aus ihrem Daunenmantel und nimmt am Flügel Platz. Im Film heißt sie Rebecca Kendall und ist ausgebildete Tänzerin. Eine ihrer beiden Töchter wird gleich durch den Raum schweben, sie wird deren Haltung korrigieren und dabei stets distinguiert sein. "Muss man sich in der Upperclass jegliches Temperament verkneifen, Frau Wörner?" Ein wunder Punkt des Drehbuchs. Und Wörners Antwort ist wohl bedacht: "Rebecca Kendall ist in einem speziellen Konflikt, weil sie erst den Verlust, dann die Lebenslüge ihres Mannes verkraften muss.

Und nicht nur das: Ihr Schwager Martin (Rupert Everett), der sich als Stütze in der Not anbietet, ist äußerst undurchsichtig. Die Verlobung ihrer Tochter steht auf der Kippe, weil ausgerechnet die Schwester das junge Glück torpediert. Und kann sie ihrem Nachbarn Harry (Hans-Werner Meyer) trauen, zu dem sie sich plötzlich hingezogen fühlt?

Misstrauen und Verrat ziehen durch den Zweiteiler wie der feuchte Nebel durch die Gärten von Neston Park. Plötzlich steht die verwöhnte Rebecca vor den Scherben ihres Lebens, auch der finanzielle Ruin droht. Da bekommt sie Besuch von einer jungen Frau namens Natalie, die mehr mit ihrem Leben zu tun hat, als sie ahnt. Durch dieses Spiegelkabinett menschlicher Täuschung schreitet Natalia Wörner mit verhaltener Trauer und großer Grandezza.

Mittagspause am Drehort. Die Darsteller stapfen mit Gummistiefeln über den aufgeweichten Boden. Rupert Everett löffelt Eintopf und empfiehlt einen Ausflug ins Städtchen Bath, insbesondere ins historische Kurhaus Grand Pump Room: "Der Tee dort ist vorzüglich!" Der Himmel ist grau, die Vorhersage schlecht: starker Regen, auffrischende Winde, Temperatur um zwölf Grad – im Mai!

Die TV-Zuschauer werden davon nichts merken. Und dem Produzenten Rikolt von Gagern sind die Wetterunbilden nur recht: "Wenn es allzu behaglich ist, schleicht sich bei längeren Drehzeiten ein gewisser Schlendrian ein."

Für die nächsten Weihnachtsmelodramen überlegt man beim ZDF, die Figuren früherer Pilcher-Filme aufzugreifen und fortzuspinnen. Solange die Werke unter ihrem Namen laufen, hat Frau Pilcher in Schottland sicher nichts dagegen.


Sendehinweis: ''Die andere Frau''

International besetzte Pilcher-Verfilmung
SO, 23.12., ZDF, 20.15

Teil 2 am 25. Dezember


Rupert Everett im Interview

Schauspieler Rupert Everett in dem Rosamunde-Pilcher-Film ''Die andere Frau'' / Foto: © ZDF und Mike Alsford

Rupert Everett im Interview:

Kinostar Rupert Everett, sonst very British, schwärmt im HÖRZU-Interview von Europa & deutscher Kneipenkultur.

HÖRZU: Mr. Everett, wer Sie in "Die Hochzeit meines besten Freundes" geliebt hat, wird enttäuscht sein. Bei Pilcher spielen Sie einen Schurken.

Rupert Everett: Martin ist ein Psychopath. Er will die Frau, das Haus, das Unternehmen, einfach alles. Ein sehr moderner Charakter.

HÖRZU: Was die Zuschauer versöhnen wird, ist der britische Lifestyle, den Sie bis zum steifen Hemdkragen perfekt verkörpern.

Rupert Everett: Eigentlich liebe ich Europa. Das finde ich viel aufregender, als Engländer zu sein. Es gibt jetzt endlich ein europäisches Kino! Das ist für mich als Schauspieler sehr interessant!

HÖRZU: Sie sind öfter in Berlin. Weshalb?

Rupert Everett: Ich bin begeistert von seiner Internationalität. Wenn du in eine Bar gehst, reden die Leute mit dir in zwei, drei Sprachen. In England reden sie Englisch – das war’s dann auch.

HÖRZU: Fehlendes Interesse oder ein Schwachpunkt im britischen Schulsystem?

Rupert Everett: In Wahrheit strengt sich der Engländer einfach ungern an, fürchte ich.

HÖRZU: Gilt das auch für den Beruf des Schauspielers?

Rupert Everett: Schauspieler zu sein ist der bequemste Job, den es gibt. Erst jetzt, wo ich mein Spektrum erweitere, auch schreibe und als Regisseur tätig bin, arbeite ich hart. Und erreiche gleichzeitig viel weniger.

HÖRZU: Ihre Hollywood-Karriere liegt tatsächlich länger zurück. Eine Reaktion auf Ihr Bekenntnis zur Homosexualität?

Rupert Everett: Ich kann das niemandem raten. Mein Outing hat meine Karriere ziemlich ruiniert.

HÖRZU: Wir leben doch in toleranten Zeiten?

Rupert Everett: Die 60er- und 70er-Jahre waren tolerant. Jetzt gibt es weltweit einen Rechtsruck. Und Hollywood war noch nie tolerant. Hollywood ist in etwa so tolerant wie al-Qaida.

HÖRZU: Nun drehen Sie also Pilcher-Filme. Wie erklären Sie sich die Faszination von Liebe und Leid in lieblicher Landschaft?

Rupert Everett: Das ist ähnlich wie bei den Telenovelas in Brasilien, die dort den ganzen Tag über laufen. Die Zuschauer lieben es, wenn schöne Menschen schlechte Dinge tun.

HÖRZU: Kürzlich feierten Sie 53. Geburtstag. Wie fühlt es sich an, älter zu werden?

Rupert Everett: Ich muss sagen, ich liebe mittlerweile meine älteren Freunde – vor allem, weil sie mir das Gefühl vermitteln, jung zu sein.

HÖRZU: Vielen Dank,Rupert Everett, für das Interview.

Autor: Angela Meyer-Barg

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