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Die kleine Fee (Paraschiva Dragus) wartet im "Club" auf Männer.
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Die kleine Fee (Paraschiva Dragus) wartet im "Club" auf Männer. - Foto © BR / ARD / DEGETO / Sperl Productions / Stephan Rabold

Im TV: Mi., 16.01., 20.15 Uhr, Das Erste

''Operation Zucker'' mit Senta Berger

  • Artikel vom 16. Januar 2013

Der knallharte ARD-Thriller "Operation Zucker" bricht ein Tabu. Er zeigt: Es gibt brutalen Kinderhandel. Auch in Deutschland.

Es gibt Filme, die einen ratlos zurücklassen. Erschüttert, wütend, fassungslos. Filme, bei denen man sich als Autor fragt: Muss man den Zuschauer warnen vor einem Werk, das grausam ungeschönt die Wahrheit zeigt – eine Wahrheit, die wir nicht für möglich halten, die an die Nerven geht, einem Tränen in die Augen treibt. Oder sollte man im Gegenteil jeden Leser dazu aufrufen, diesen mutigen Film zu schauen, weil wir nicht die Augen verschließen dürfen vor dem, was mitten in Deutschland geschieht.

Dieser mutige Film heißt "Operation Zucker" (siehe TV-Tipp rechts). Er bietet Stars wie Senta Berger (siehe auch Interview weiter unten) und Nadja Uhl auf. Und niemand sollte ihn verpassen. Was die Zuschauer erwartet, sind harte 90 Minuten, denn Regisseur Rainer Kaufmann fasst darin ein Tabuthema an: Kinderhandel und Kinderprostitution in Berlin.

Rainer Kaufmann, für das Drama "In aller Stille" bereits mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, zeigt das in drastischen Bildern, die schwer zu ertragen sind. Nur die ersten Minuten des Films wirken noch idyllisch: In ihrer Heimat Rumänien lebt die zehnjährige Fee (Paraschiva Dragus) ein armes, aber unbekümmertes Leben. Doch dann vertraut ihr Vater sie Leuten an, die ihr in Deutschland eine Ausbildung versprechen. Stattdessen landet sie in einer Auktionshalle, in der Kinder an Zuhälter verkauft werden – und muss Kunden mit sadomasochistischen Neigungen sexuelle Wünsche erfüllen. Bei einer Razzia befreit die Polizistin Karin Wegemann (Nadja Uhl) das Kind schließlich.

Gemeinsam mit der Staatsanwältin Dorothee Lessing (Senta Berger) versucht sie, den grausamen Menschenhändlern das Handwerk zu legen – doch die kurz vor der Pension stehende Juristin hat die Rechnung ohne ihre Berufskollegen gemacht, die selbst zu Fees besten Kunden zählen. Die Geschichte klingt abenteuerlich, ist allerdings nahe an der Wahrheit: "Das Zentrum und die Drehscheibe für den Kinderhandel aus Osteuropa liegt mitten in Deutschland – in Berlin", weiß Produzentin Gabriela Sperl ("Die Flucht"), die in Vorbereitung auf den Film jahrelang recherchiert hat.

Organisierter Kinderhandel in den besten Kreisen

Bei der Premiere brachte "Operation Zucker" selbst erfahrene, abgehärtete Journalisten zum Weinen. Produzentin Sperl behauptete trotzdem, sie zeige den Zuschauern hier nur "die Spitze des Eisbergs. Viele Recherchen waren so krass, dass wir sie gar nicht mehr umsetzen konnten. Das Ausmaß des Kinderhandels und die Praktiken des sexuellen Missbrauchs von Kindern sprengen jede Vorstellungskraft. Die Täter entstammen den höchsten gesellschaftlichen Hierarchien. Unter ihnen sind erstaunlich viele Ärzte, Richter und Politiker – auch aus Deutschland. Menschen also mit einem hohen Gehalt, die sich teuren, anonymen Sex mit Kindern spielend leisten können. Erstaunlicherweise gibt es auch viele weibliche Kunden.“

Über die Hintergründe des organisierten Kinderhandels weiß die Produzentin noch mehr zu berichten. So koste es nur 100 Euro, ein Kind von armen Bauern zu kaufen – oder es nach Naturkatastrophen in Krisenregionen wie Haiti zu "erwerben", wobei darunter häufig "stehlen" zu verstehen sei. Laut Unicef werden täglich weltweit 3000 Kinder Opfer von Menschenhändlern. "Die Kleinen für Sex oder Zwangsarbeit zu missbrauchen ist noch lukrativer als das Drogengeschäft", enthüllt die Unicef-Geschäftsleiterin Elsbeth Müller. "Denn anders als Rauschgifte können Kinder nicht nur einmal, sondern immer wieder ausgebeutet und neu verkauft werden."

Die Folgen indes sind fatal: Wie im Film am Schicksal der kleinen Fee zu sehen, sind die missbrauchten Kinder am Ende schwer traumatisiert, leiden unter dissoziativen Störungen, infizieren sich mit HIV, werden drogensüchtig und willenlos gemacht, verlieren ihr Selbstvertrauen – und gehen ohne jede Bildung in die Zukunft. Ein Teufelskreis.

Das Schweigen brechen

Natürlich wirft ein Film wie "Operation Zucker" unzählige Fragen auf. Die wichtigste ist jedoch: Was lässt sich gegen dieses brutale Verbrechen tun? Für die Filmemacher lautet die Antwort: das Schweigen über das Tabu brechen. "Unsere Geschichte muss erzählt werden, um die Menschen zum Nachdenken anzuregen", sagt Senta Berger (Interview unten). "Sie soll jeden dazu ermutigen, sich eine Meinung zu bilden. Es geht ja auch um die Frage, woher und wieso diese Kinder nach Deutschland kommen.

Sollten wir uns nicht fragen, wie sich die sozialen Verhältnisse in den Ländern, aus denen sie kommen, verbessern lassen, etwa der Bildungsstand jener, die Kinder für 100 Euro verkaufen?" In diesem Punkt zumindest sind jetzt die Politiker gefragt. Schauspielerin Nadja Uhl bringt das so auf den Punkt: "Nach diesem Film kann wirklich kein Politiker mehr sagen, er habe nicht davon gewusst, dass es Kinderprostitution und Kinderhandel mitten in Deutschland gibt."


Senta Berger im Interview

"Wir dürfen da nicht wegsehen!"

HÖRZU: Warum heißt Ihr neuer Film "Operation Zucker"?

Senta Berger: "Zucker" steht hier natürlich für "Kinder" und "Verführung". Denn auf was fliegen die Kleinen am schnellsten? Auf Süßes!

HÖRZU: War der Film zum Thema Kinderhandel Ihr bislang schwierigster?

Senta Berger: Das Thema ist schwer, aber für mich war es eine Herausforderung. Man muss sich vorher darüber klar sein, ob man so etwas psychisch durchhält. Tatsache ist: Es gibt in Deutschland Kinderhandel, es ist sogar ein großes Geschäft. Das würde man gern verdrängen, doch unsere Geschichte muss erzählt werden.

HÖRZU: Wussten Sie vorher, dass Berlin Drehscheibe für den internationalen Handel mit Kindern ist?

Senta Berger: Nein. Kinderprostitution hat es schon immer gegeben – das war mir klar. Aber dass wir in unserer heutigen Welt, in der wir uns so zivilisiert und human geben, genau vor diesem Thema die Augen verschließen – das will ich nicht akzeptieren.

HÖRZU: Im Film ist es die Oberschicht, die sich teuren Sex mit Kindern leistet. Meinen Sie, man kann im eigenen Umfeld erkennen, ob jemand pädophile Neigungen hat?

Senta Berger: Man darf so etwas nicht verallgemeinern, aber ich glaube: Man kann es ahnen, wenn man sehr aufmerksam ist oder sein will und diese Dinge an sich heranlässt. Aber natürlich lernen Erwachsene, ihr schreckliches Geheimnis gut zu hüten. Je gebildeter sie sind, desto besser gelingt das, denn sprachlich können sie sich besser tarnen als etwa ein Handwerker.

HÖRZU: Was kann Ihr Film ausrichten?

Senta Berger: Wir Filmemacher können leider nicht so viel bewirken wie die Politiker, die befugt sind, Änderungen herbeizuführen. Die Gesetze sind ja da, sie müssen nur schärfer angewendet werden. Natürlich muss die Politik jetzt handeln! Wir Künstler können nur den gedanklichen Anstoß geben.

HÖRZU: Vielen Dank, Senta Berger, für das Interview.

Autor: Mike Powelz

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