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Susanne Kröhmer (Anna Loos, M.) mit ihren Eltern Karl-Heinz (Thomas Thieme, r.)
und Brigitte (Renate Krößner, l.). Foto: © ARD/Frédéric Batier

Wie realistisch ist der TV-Stoff?

Neue Politserie "Die Stadt und die Macht"

  • Artikel vom 08. Januar 2016

In er neuen Politserie "Die Stadt und die Macht" (jeweils zwei Doppelfolgen an drei aufeinanderfolgenden Tagen: 12.1., 13.1. und 14.1.2016, jeweils um 20.15 Uhr und 21.00 Uhr, Das Erste) wird Anna Loos von der Idealistin zur kühl kalkulierenden Karrieristin. Wie realistisch ist der TV-Stoff?

Neuwahlen! Kaum ist der korrupte Bauunternehmer Oliver Griebnitz von der Dachterrasse seines Lofts in die Tiefe gestürzt, zerbricht im Berliner Rathaus die Große Koalition, und um den frei gewordenen Posten des Regierungschefs buhlen halbe Heerscharen smarter Männer mit Halbglatze - die Optik kennt man aus der großen Politik.

Doch dann betritt in der sechsteiligen Miniserie "Die Stadt und die Macht" eine brünette junge Frau das politische Parkett. Eigentlich wollte Anwältin Susanne Kröhmer (Anna Loos) lediglich Kinder und Karriere unter einen Hut bringen. Doch dann startet sie aus dem Nichts in den politischen Wahlkampf und widmet sich fortan Krisen und Kleinkriegen.

Ein Wahlkampf mit Finten

Nach dem dänischen TV-Erfolg "Borgen: Gefährliche Seilschaften" wird es wohl jede Politserie schwer haben. Schließlich gilt die 30-teilige skandinavische Produktion als "die beste Fernsehserie über Politik aller Zeiten". So jedenfalls urteilt der Kritiker Stephen B. Dyson in der renommierten "Washington Post". Dennoch wagt sich der Regisseur Friedemann Fromm, ein Experte für zeitgenössische Spitzenserien wie etwa "Weissensee", nun an einen deutschen Stoff nach dem Vorbild von "Borgen".

Dabei ist die Fallhöhe groß: Nach dem Scheitern der teuren, aber piefig inszenierten ZDF-Serie "Kanzleramt" (2005) gilt Politik als Serienthema hierzulande als programmierter Flop. Kann "Die Stadt und die Macht" da nun neue Maßstäbe setzen? HÖRZU hat die sechsteilige Serie vorab gesehen und mit den Machern gesprochen.

Ästhetisch erinnert die Serie an den US-Hit "House Of Cards", etwa dank des Vorspanns in Zeitrafferoptik. Inhaltlich lehnt sie sich tatsächlich an "Borgen" an. Nach der ersten, teils etwas ausufernd erzählten Episode wird Fromms Epos rasant spannender. Das liegt zu einem großen Teil an Anna Loos, die die Protagonistin äußerst glaubwürdig verkörpert. Das korrekte, brave Kostüm der Anwältin wird zunehmend zur Verkleidung, Jungpolitikerin Susanne Kröhmer wandelt sich mehr und mehr zu einem Politchamäleon, das nach etlichen Bauchlandungen lernt, die harten, zynischen Regeln des Wahlkampfs zu akzeptieren.

"Die Drehbuchautoren muten Kröhmer jede Menge Tiefschläge zu", erklärt Anna Loos im Interview mit HÖRZU. "Wir zeigen, dass sie sehr idealistisch einsteigt. Doch je mehr sie sich auf die Spielregeln der Politik einlässt, desto mehr gibt sie Teile ihrer Ideale auf. Was die Macht mit und aus Menschen machen kann, finde ich spannend."

Warum Macht Menschen verändert

Ein weiterer großer Pluspunkt der Miniserie sind ihre äußerst authentisch wirkenden Drehbücher, in die Erfahrungen und Erkenntnisse des Wahlkampfberaters Frank Stauss einflossen. Stauss arbeitet schon seit 20 Jahren als Coach bekannter Politiker und war etwa für Gerhard Schröder tätig. Der 50-Jährige weiß, warum neu gewonnene Macht Menschen oft schnell verändert: "Die Leute begegnen Politikern, die eine Wahl gewonnen haben, anders als zuvor. Plötzlich gibt es jede Menge Schleimer, man weiß nicht mehr, wem man wirklich trauen kann", sagt er im HÖRZU-Gespräch. "Das Bild von der Einsamkeit an der Spitze ist durchaus zutreffend. An diesem Punkt ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein und sich Freiräume zu schaffen, um als Politiker und Amtsinhaber geerdet zu bleiben. Man sollte sich hin und wieder eine Auszeit nehmen, um man selbst zu sein - ohne die Sorge, dass alles sofort in der Presse landet." Lesen Sie hier das Interview mit Frank Stauss in voller Länge.

Fazit: Die Miniserie "Die Stadt und die Macht" zeigt den politischen Alltag sehr real. Erschreckend real.

Autor: Mike Powelz

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