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Francesco de Medici (gespielt von Alexander Beyer)
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Arte-Doku ''Mord im Hause Medici'': Francesco de Medici (gespielt von Alexander Beyer) ist verantwortlich für den Mord an seiner Schwester Isabella. / Fotos: ZDF / © Gebrüder Beetz Filmproduktion/Falco Seliger

Verblüffende Erkenntnisse der Forensiker

''Mord im Hause Medici'': neue Arte-Doku

  • Artikel vom 16. Februar 2013

Die Männer in der Kirche tragen weiße Plastikanzüge. Sie heben eine runde Marmorplatte aus dem Boden der alten Sakristei von San Lorenzo, einer der ältesten Kirchen von Florenz und Familienkapelle der berühmten Medici-Dynastie. Ein Priester steht neben der Gruft und spricht seinen Segen. Ohne die Einwilligung der Geistlichen wäre ein solches Projekt undenkbar: Ein europäisches Forscherteam unter Beteiligung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen exhumierte von 2004 bis 2012 insgesamt 28 Familienmitglieder der Medici, untersuchte sie und bestattete sie wieder.

Die Medici machten Florenz im 15. und 16. Jahrhundert zur Wiege der Renaissance. Ihr Ruf als Förderer von Kunst und Architektur strahlte weit über das einflussreiche Fürstentum hinaus. Doch hinter den Kulissen der Paläste regierten Neid, Untreue und Intrigen. "Die Medici gingen über Leichen", sagt Judith Voelker, Regisseurin des spannenden Doku-Zweiteilers "Mord im Hause Medici" (16.2., 20.15 Uhr, ARTE). "Es war üblich, seinen Willen mit Mord und Totschlag durchzusetzen."

Für ihr Projekt begleitete die Filmemacherin den jüngsten Teil des forensischen Medici-Projekts: das Krimipuzzle um die verfeindeten Geschwister Isabella, Francesco und Ferdinando de’ Medici im ausgehenden 16. Jahrhundert. Die gebildete, musikalische und lebenslustige Isabella (1542 – 1576) fiel durch eine Affäre in Ungnade. Sie wurde von ihrem gehörnten Ehemann Paolo stranguliert, offiziell sprach man von einem Unfall.

Zu Lebzeiten galt die Medici-Prinzessin als "Stern von Florenz", begeisterte mit illustren Salons und führte nach dem Tod ihrer Mutter zeitweilig sogar die Geschäfte. Als ihr Bruder Francesco, der ihr den Erfolg neidete, an die Macht kam, intrigierte er gegen sie. Er gilt als treibende Kraft hinter dem Mord.

"Isabella war eine emanzipierte, moderne Frau, der ihre Liebschaften und schwelenden Konflikte zum Verhängnis wurden", so Regisseurin Voelker. 1576 wurde die gefallene Schöne anonym in San Lorenzo bestattet. Fünf weibliche Skelette fand das Team um die italienische Medizinhistorikerin Prof. Donatella Lippi dort in einer Gruft unter der alten Sakristei. Fortan beschäftigte Lippi nur noch eine Frage: "Wem genau gehören die Skelette?!

Die Experten hofften, eines als die sterblichen Überreste von Isabella identifizieren zu können. Zwei Indizien sprachen für einen Erfolg: In dem Schacht wurden jene Medici begraben, die in Vergessenheit geraten sollten. Und: Eine Analyse der Schädelnähte zeigte, dass eine der Toten Mitte 30 gewesen sein musste. Isabella wurde 34 Jahre. Genetikexperten nahmen Knochenproben. Ihr Problem: Je länger die Liegezeit von Knochen ist, desto mehr verändert sich das Erbgut durch Umwelteinflüsse. War das Hochwasser von 1966 schuld daran, dass am Ende keine schlüssige DNA separiert werden konnte?

Bessere Voraussetzungen fand die Freiburger Professorin Ursula Wittwer-Backofen, die als Expertin für forensische Gesichtsrekonstruktion Toten ein Antlitz geben kann. Der über 400 Jahre alte weibliche Schädel war "gut erhalten und nicht durch Lagerungsbedingungen verschoben oder verzogen", so Wittwer-Backofen. Per 3-D-Scanner und Computertomografie wurden ein 3-D-Modell im Computer und eine Replik aus Gipsgemisch gefertigt.

Dann legten die Forscher mithilfe einer Gesichtsteil-Datenbank des BKA und speziellen Programmen im Computer Gewebe über die Knochen, ergänzten Augenbrauen, Nase, Mund, Wangenknochen, das markante Kinn und einen zeitgemäßen Haaransatz.

Sensationelles Ergebnis

Am Ende wurde die virtuelle schwarz-weiße Totenmaske mit einem historischen Porträt Isabellas verglichen. Ein Volltreffer: "Die Gesichtsproportionen stimmen perfekt überein", so Wittwer-Backofen. Ihr Resümee: Die Tote aus der alten Sakristei ist zu 99 Prozent Isabella.

Ironie der Geschichte: Ihr Bruder Francesco, der den Mord an seiner "ruchlosen" Schwester angestiftet haben soll, wurde selbst Opfer einer Leidenschaft, die die Familienehre beschmutzte. Francesco und seine Frau Bianca starben 1587 an Malaria – so die offizielle Version. Gerüchten zufolge ermordete Ferdinando, Kardinal in Rom, seinen Bruder, weil er dessen nicht standesgemäße Ehe mit der ehemaligen Mätresse Bianca missbilligte und an die Macht wollte.

Verbrechen oder Krankheit? Die Forscher analysierten mikrometerdünne Schnitte aus einem Eingeweidekrug mit den Überresten von Bianca und die Barthaare Francescos. Ergebnis: In beiden Proben fand sich Arsen. "Mit unseren modernen Methoden die Wahrheit aufzudecken – das ist eine Sensation", so Prof. Lippi. "Wir können mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass die beiden vergiftet wurden."

Wer tiefer eintauchen möchte in die Geschichte der Medici: Am 17.2. eröffnen die Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim die Ausstellung "Die Medici. Menschen, Macht
und Leidenschaft". Gezeigt werden 200 Exponate aus 50 Museen – auch die Replik des Schädels von Isabella.


Sendehinweis: ''Mord im Hause Medici''

Teil 1 und 2
SA, 16.2., ARTE, 20.15 Uhr

Autor: Dagmar Weychardt

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