Aktuelles
Schimanski (Götz George) in seinem 45. Fall
Zur Bilderstrecke

Schimanski (Götz George) bekommt es in seinem aktuellen Fall mit Korruption unter Beamten zu tun. - Foto © WDR / Willi Weber

30 Jahre "Schimi"

Interview mit Götz George

  • Artikel vom 30. Januar 2011

Schimanski flucht, knebelt Gegenspieler, rollt über Autos. Keine Frage: In seinem neuesten Fall ("Schimanski: Schuld und Sühne", siehe TV-Tipp) gibt Götz George wieder alles. HÖRZU traf den großen Schauspieler zu einem seiner seltenen Interviews.

HÖRZU: Der neue "Schimanski"-Film dreht sich um Korruption und Käuflichkeit bei der Polizei. Ist das realistisch?

Götz George: Ja. Beides nimmt immer mehr zu – in allen Gesellschaftsschichten. Momentan ist das gut zu beobachten, weil wir in einer Weltwirtschaftskrise stecken. Davor sind weder Polizei noch Politik gefeit.

HÖRZU: Sie sind jetzt 72, haben im neuen Film aber noch Stuntszenen selbst gedreht. Wie leicht fällt Ihnen das?

Götz George: Nach wie vor ist das nicht schwer. Doch mit 72 ist man generell vorsichtiger. In diesem Alter kann man sich schneller mal ein Bein oder einen Arm brechen.

HÖRZU: Wie geht es Ihnen allgemein?

Götz George: Prima, denn ich drehe sehr dosiert. Das ist wichtig, weil ich meistens große Hauptrollen spiele, die mich konditionell fordern.

HÖRZU: Angeblich sind die heute 70-Jährigen so fit wie früher die 60-Jährigen. Richtig?

Götz George: Nein, Quatsch! Das biologische Alter lässt sich nicht über einen Kamm scheren. Ich persönlich fühle mich nicht so alt, wie es auf dem Papier steht, aber auch nicht extrem jünger. In unserer Branche gibt es einen Berufsstress, den mancher Kollege nicht verträgt. Das führt bei einigen durchaus dazu, dass sie an der Flasche hängen.

HÖRZU: Wie halten Sie den Stress aus?

Götz George: Ich treibe Sport, bewege mich viel an der frischen Luft. Doch wenn ich bedenke, wie oft ich von Dächern gesprungen bin, muss ich bilanzieren: Ich habe ein bisschen Schindluder mit meinem Körper getrieben.

HÖRZU: Angeblich tragen Sie ein Korsett.

Götz George: Stimmt. Wenn ich arbeite, trage ich ein Korsett, damit die Bandscheibe entlastet wird. Es schützt mich vor einem Hexenschuss.

HÖRZU: Zurück zum Film: Es gibt da einen Polizisten, über den gesagt wird, er hätte auf die Couch gehört. Wie stehen Sie persönlich zu Psychotherapie?

Götz George: Es gibt viele Menschen, die auf die Couch gehören, weil ihnen Psychiater helfen können. Ich war immer ein gesunder Zeitgenosse. Das hat mit meinem preußischen Lebensstil zu tun. Mein Leben verlief gleichmäßig, es gab niemals Exzesse. Aber natürlich ist Psychoanalyse eine anerkannte Wissenschaft. Wie ich gehört habe, legen sich die meisten Schauspieler Hollywoods auf die Couch. Vielleicht wissen sie angesichts der vielen Rollen nicht mehr, wer sie sind. Wenn ich nach Hause komme, bin ich Götz George. Und wenn ich eine Rolle spiele, erarbeite ich sie mir, genau wie die Schimanski-Figur.

HÖRZU: Schimanski feiert 30-jähriges Jubiläum. War die Rolle für Sie eher Fluch oder Segen?

Götz George: Ein Segen. Zehn Jahre lang erlebte ich mit Eberhard Feik ein großes Glücksgefühl: Wir vertrugen uns so gut, hatten viel mehr Geld für die Produktion als heute. Die kreativste Zeit war von 1980 bis 1990.

HÖRZU: Sind die Drehbücher heute besser oder schlechter?

Götz George: Die Qualität wird schlechter, weil die Zahlungsmoral schlechter wird. Doch ich bin in der glücklichen Lage, das Geld für die Miete nicht mehr zusammenkratzen zu müssen.

HÖRZU: Ist Ihr Job auch Ihr Hobby?

Götz George:Bis zu einem gewissen Grad. Aber ich merke auch, wie schwer es mir fällt, mit dem Hintern hochzukommen. Deshalb mache ich nur noch Produktionen, hinter denen ich stehe. Die können manchmal ruhig ein wenig flach sein. Wenn nette Kollegen mitmachen und ein toller Regisseur, lässt sich auch aus einem mittelmäßigen Stoff ein unterhaltsames Stück machen.

HÖRZU: Wonach suchen Sie Rollen heute aus?

Götz George: Ich drehe nicht zu viele Filme, die zu einem Genre gehören – etwas drei Krimis oder drei ernste Stoffe in Folge. Soweit möglich, schiebe ich eine Komödie dazwischen.

HÖRZU: Zum "Tatort": Wie gefiel Ihnen die Jubiläumsfolge "Wie einst Lilly" mit Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot?

Götz George: Die habe ich nicht gesehen, weil ich nicht in Deutschland war. Mir fällt nur auf, dass der "Tatort" immer öfter läuft. Früher einmal pro Woche, heute manchmal vier an einem Tag.

HÖRZU: Im neuen "Schimanski"-Film scheint es so, als gehe der Held am Ende in ein helles Licht, als sei alles vorbei. Schimis Ende?

Götz George: Nein. Wenn Schimanski einmal geht, dann ohne Knall. Aber ich glaube nicht, dass die Figur vom WDR rüde fallen gelassen wird. Meine Lust an der Figur ist ungebrochen, weil man sie nicht sehr häufig bedient.

HÖRZU: Was ist für Sie der Sinn des Lebens?

Götz George: Ich habe sehr schnell kapiert, dass die wahnsinnige Natur jedem Menschen viele Möglichkeiten mit auf den Weg gibt – wenn man sie nur ergreift. Insofern hat mich das Leben gestaltet. Und ich das Leben.

HÖRZU: Vielen Dank, Götz George, für das Interview.

Götz George: Sein größtes TV-Projekt

Acht Jahre alt war Götz George, als sein Vater Heinrich 1946 in einem Speziallager in Sachsenhausen starb – als Gefangener des sowjetischen Geheimdienstes. In einem ARD-Film (Drehstart: Sommer 2011) will George nun seinen Vater spielen: "Das bietet die Möglichkeit, für ihn, der zu Unrecht beschuldigt und als NS-Darsteller hingestellt wurde, durch Zeitzeugen einen Freispruch zu erwirken."

Autor: Mike Powelz

Anzeige