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Unser Chefreporter Mike Powelz und Anna Loos während des Interviews.

Neue Miniserie "Die Stadt und die Macht"

Interview mit Anna Loos

  • Artikel vom 08. Januar 2016

In der neuen sechsteiligen Politserie "Die Stadt und die Macht" (jeweils zwei Doppelfolgen an drei aufeinanderfolgenden Tagen: 12.1., 13.1. und 14.1.2016, jeweils um 20.15 Uhr und 21.00 Uhr, Das Erste) spielt Anna Loos die ehrgeizige Jungpolitkerin Susanne Kröhmer.

Ein großer Pluspunkt der neuen Miniserie sind ihre äußerst authentisch wirkenden Drehbücher, in die Erfahrungen und Erkenntnisse des Wahlkampfberaters Frank Stauss einflossen. Hier lesen sie das Interview mit Frank Stauss in voller Länge.

Interview mit Anna Loos

HÖRZU: Susanne Kröhmer wird über Nacht zur Berliner Bürgermeisterkandidatin. Was ist der Reiz an dieser Rolle, Frau Loos?

Anna Loos: Es ist die Geschichte einer jungen Politikerin, die in einen Wahlkampf geschmissen wird - und gleichzeitig die Story einer Berliner Familie, die schon immer ein bisschen mit Politik zu tun hatte und eigentlich ziemlich marode ist. Außerdem ist Friedemann Fromm ein Regisseur, den ich sehr liebe und Michael Lehmann ein toller Produzent. Wir haben lange rumgebaut, rumgeschraubt und rumgeschrieben an diesem Projekt. - und als   die Drehbücher fertig waren, bin ich erst einmal erschrocken über diese Textmassen, die meine Rolle zu sprechen hatte. Ich glaube, dass ich noch nie zuvor so viel Text hatte, noch dazu in der Sprache einer Juristin, die in die Politik geht, das war eine Herausforderung.

HÖRZU: Inwiefern haben Sie durch den Dreh neue Ansichten über Politiker gewonnen?

Anna Loos: Man kennt Politiker, nicht aber die Menschen dahinter. Hin und wieder kriegt man davon etwas mit in den Medien, wenn private Skandale aufpoppen - aber das ist ja relativ selten. Man merkt aber, dass Politiker Menschen sind, die den Privatmensch oft wegdrücken müssen. Ihnen wird Authentizität abverlangt, aber sie dürfen nicht zu emotional sein. Sie müssen immer einen klaren Kopf haben und eloquent sein, aber sie dürfen nie über die Strenge schlagen - auch nicht verbal. Für mich war es interessant hinter die Kulissen zu schauen.

HÖRZU: Muss Ihre Bürgermeisterkandidatin viel erleiden?

Anna Loos: Ja, und zwar jede Menge emotionale Tiefschläge. Die Drehbuchautoren muten Susanne Kröhmer jede Menge Bauchschläge zu. Wir zeigen, dass sie sehr idealistisch einsteigt. Anschließend muss sie diese Tiefschläge  einstecken und wegdrücken. Doch je mehr sie sich auf die Spielregeln der Politik einlässt, desto mehr gibt sie natürlich auch Teile ihrer Ideale auf. Was die Macht mit und aus Menschen machen kann, finde ich spannend.

HÖRZU: Was haben Sie den Wahlkampfberater Frank Stauss gefragt?

Anna Loos: Vieles, zB. ob die Wahlkampfstrategie bei jedem Politiker gleich ist oder ob jeder eine andere Strategie fährt. Daraufhin hat er mir erzählt, wie wichtig Authentizität ist, dass man Schwächen gleich auf den Tisch legen sollte und Stärken herausarbeiten muss. Häufig ist das ein schwieriger Weg, weil viele Politiker das gar nicht wollen - anders als zum Beispiel Klaus Wowereit, der, ohne das irgendjemand das wollte, gesagt hat: "Ich bin schwul - und das ist gut so." Hinter den Kulissen sind die Berater in diesem Moment tot umgefallen - doch es war das Beste, was  Klaus Wowereit damals machen konnte.

HÖRZU: Inwiefern gibt es Schnittmengen zwischen Politik und Schauspielerei?

Anna Loos: Ich glaube nicht, dass es viele Schnittmengen gibt. Wir Schauspieler stellen fiktionale Personen dar, die sich in fiktionalen Welten bewegen - die Geschichten sind alle erfunden. Aber wir müssen keine Geschichte verkaufen. Im Leben eines Politikers geht es darum, dass sie verantwortlich sind für die Suche nach Lösungen für Probleme, die ihr Land hat. Sie stehen demnach unter Druck. Ich finde es tragisch, dass die Politiker diesen Druck haben - weil sie, wie z.B. in der aktuellen Flüchtlingskrise, keine 100-prozentige Lösung auf den Tisch legen können. Eigentlich müssten sie sagen: "Wir können Lösung A, B oder C ausprobieren - aber es kann durchaus sein, dass wir damit aufs Maul fliegen, und wenn das passiert, müssen wir D, E oder F ausprobieren." Doch all das will niemand hören. Niemand in Deutschland sagt: "Die Flüchtlingskrise wird unser Land unglaublich viel Geld kosten und es wird eine problematische Sache werden, weil verschiedene Kulturkreise aufeinandertreffen." All das unterscheidet einen Politiker extrem von einem Schauspieler. Ein Politiker beschäftigt sich immer mit dem realen Leben, muss gewählt werden, oder Stimmen für seine Partei einsammeln, aber er kann nicht immer ehrlich sagen, was er denkt. Insofern sind Politiker immer mit der angezogenen Handbremse unterwegs - denn eine Nano-Sekunde nach einer Äußerung steht das Ganze schon online auf YouTube und wird fehlinterpretiert. Wegen all dieser Dinge verstellen sich Politiker manchmal, ähnlich wie Schauspieler das auch machen, aber aus einer völlig anderen Motivation heraus.

HÖRZU: Warum mussten Sie Ihre Haarfarbe ändern? Darf eine erfolgreiche Politikerin nicht blond sein?

Anna Loos: Das habe ich Friedemann Fromm auch gefragt! Wir haben lange darüber diskutiert, ob Susanne Kröhmer lange dunkle Haare braucht - aber Fromm stellte sich die Figur brünett vor. Er hat den Look im Kopf, ich vertraue ihm da. Eigentlich ist es wurscht, ob sie blond ist oder braunhaarig - denn sie ist eine Frau mit allen Problemen, die Frauen so plagen - vom stressigen Job über die Liebe bis zur Schwangerschaft.

HÖRZU: Inwiefern sehen Sie Politiker nun mit anderen Augen?

Anna Loos: Ich habe die vorher gar nicht so anders gesehen. Ich kenne ein paar Politiker persönlich und weiß genau, dass sie auch Menschen sind, die manchmal unsicher sind oder Fehler machen - genau wie ich als Mutter von zwei Kindern, die auch nicht immer sicher sagen kann, wo es langgeht, obwohl ich das natürlich gern würde. Für mich ist ein starker Politiker einer, der ehrlich ist. Heutzutage ist Ehrlichkeit ein hohes Gut, das aber leider viele Wähler abschreckt und dann dazu führt, dass sich Politiker hinter Phrasen oder Halbwahrheiten verschanzen, weil es um Macht geht. Viele Politiker haben gar nicht mehr den Spielraum, um anecken zu können. Das ist schade.

HÖRZU: Wie groß ist Ihr Verständnis für Politikverdrossenheit?

Anna Loos: Ich frage mich immer, woher die kommt? Wahrscheinlich hat sie zwei Ursachen: Erstens, dass sich die Bürger selber ein bisschen rausgenommen haben aus der Demokratie und sich lieber hinsetzen und sagen, es sei egal, was sie denken, weil die Politiker ohnehin machten, was sie wollen. Der zweite Grund ist, dass mittlerweile jeder Otto-Normalverbraucher ein globales Bild von der Welt bekommt - heißt: dass er im Internet alles sieht, was auf der Welt los ist. Angesichts dessen kann sich kein Politiker mehr hinstellen und sagen, dass er alles im Griff hat. Denn die Welt mir ihren Krisenherden - dieses riesige Ungetüm - das führt auch ein bisschen zur Politikverdrossenheit.

HÖRZU: Sind Sie einer Partei treu - oder sind Sie eine Wechselwählerin?

Anna Loos: Mein Kreuzchen ist nicht nur wahlprogrammabhängig, sondern auch von den Menschen, die dahinter stehen - wie sie sich verhalten, reden, welche Ziele sie verfolgen und was ich ihnen zutraue.

Autor: Mike Powelz

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