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Emilia Schüle im Interview

Emilia Schüle und unser Chefreporter Mike Powelz während des Interviews.

Interview mit Emilia Schüle

"Ich hätte gern in den 20-er Jahren gelebt"

  • Artikel vom 30. November 2015

Eine neblige Nacht in Berlin. Im Tiergarten treibt mitten im blutigen Wasser des Krokodilbeckens die Leiche des mächtigen Staatsanwalts, übel zugerichtet, umringt von hungrigen Reptilien. Nun rätseln Deutschlands erster Profiler Paul Lang (Friedrich Mücke, 34, "Russendisko") und seine Assistentin Mascha Kampe (Emilia Schüle, 22, "Tatort", "Tod den Hippies! Es lebe der Punk"), wer der Mörder ist.

Sat.1 zeigt den spannenden TV-Krimi "Mordkommission Berlin 1" mit Emilia Schüle am 1. Dezember 2015 um 20.15 Uhr. Im Anschluss läuft die Doku über Deutschlands ersten Profiler Ernst Gennat ("Der erste Bulle. Wie Ernst Gennat die moderne Polizeiarbeit erfand"), 22.55 Uhr, SAT.1.

HÖRZU traf die Schauspielerin zum Exklusiv-Interview über die 20-er Jahre, historische Filmdrehs, das personifizierte Böse und ihre nächsten TV-Projekte …

HÖRZU: Varietés, Nachtleben, Glamour: Wie gern hätten Sie in den 20-er Jahren gelebt?

Emilia Schüle: Sehr gerne. Es war eine exzessive Ausnahmezeit zwischen den beiden Weltkriegen – und auch kulturell sehr spannend.

HÖRZU: Wie war der Dreh zu "Mordkommission Berlin 1"?

Emilia Schüle: Toll. Meine Schauspielkollegen Friedrich Mücke und Frederick Lau sind zwei Wahnsinnscharaktere. Wir haben gemeinsam eine "Buddy-Zeit" erlebt, viel tschechisches Bier getrunken und Prag unsicher gemacht. Kurz vor dem Dreh von "Mordkommission BERLIN 1" habe ich übrigens einen 80-er Jahre-Film gedreht – und kurz danach einen 50-er Jahre-Film.

HÖRZU: Wie viel Spaß machen historische Drehs wie "Isenhart", das im Jahr 1171 spielte – oder "Ku’damm 56"?

Emilia Schüle: Ich finde es großartig, denn man spürt am eigenen Leib, wie sich diese Zeiten angefühlt haben müssen. Außerdem erfährt man total viel über die anderen Jahrzehnte und Dekaden – denn man sieht Millionen von Skizzen, Bildern und Recherchefotos sowie die großartigen Sets. Und sobald man in die historischen Kostüme schlüpft, nimmt man automatisch eine andere Haltung an.

HÖRZU: In Ihrem 20-er Jahre-Krimi gibt’s eine gefährliche Krokodilszene – denn ein toter Staatsanwalt wird inmitten von Reptilien gefunden. Wie haben Sie diese Szene erlebt?

Emilia Schüle: Total spannend, denn wir haben mit echten Krokodilen gedreht. Ich stand derartigen Tieren noch nie zuvor so nahe gegenüber. Doch wir waren alle sicher, denn das Becken war eingezäunt. Außerdem lag im blutrot gefärbten Wasser kein echter Mensch, sondern eine Fake-Leiche. Dieses Duplikat kannte ich schon vor der Szene, weil es immer im Make-up-Trailer herumlag. Jedes Mal, wenn ich den Wagen betrat, habe ich mich total erschreckt, denn der "Leiche" fehlte ein Körperteil.

HÖRZU: Ob Kommissar Lang (Friedrich Mücke), Varietébesitzerin Irma (Antje Traue) oder Bösewicht Tauss (Tobias Moretti) – im Film haben alle Figuren zwei Gesichter. Ihre Meinung: Ist jeder Mensch zum Bösen verführbar?

Emilia Schüle: Ja – es kommt bloß auf die Umstände an. Ich persönlich glaube, dass es eine hohe Kunst ist, ein guter Mensch zu sein – und viel einfacher, Schlechtes zu tun. Wenn man jedoch Gutes tut, dann bekommt man es wieder. Ich glaube an Karma.

HÖRZU: Was war die größte Herausforderung beim Dreh?

Emilia Schüle: Zu berlinern und die Mitte zu finden zwischen dem normalen Mädchen und der Sekretärin, die neben den Kommissaren intellektuell wirken möchte. Aus schauspielerischer Perspektive war das eine große Herausforderung.

HÖRZU: Im Krimi sind Sie platinblond – und tragen historische Kleider. Wie hat sich das angefühlt?

Emilia Schüle: Der Haartonwechsel war befremdlich – aber wir wollten eine Figur schaffen, die nahezu perfekt wirkt. Einen engelsgleichen Charakter ohne augenscheinliche Brüche. Mascha Kampe ist sehr barbiehaft, sehr feminin. Im Film trage ich einen Tulpenhaarschnitt. Das sieht beinahe so aus, als würde mir eine Blume aus dem Kopf wachsen

HÖRZU: In den "Roaring Twenties" gab’s weder Computer noch Handys … Machen diese technischen Errungenschaften unser Leben leichter oder schwerer?

Emilia Schüle: Sie sind Fluch und Segen zugleich. Manchmal denke ich, dass das ständige Kleben von Handys am Ohr mittlerweile zu einer Volkskrankheit geworden ist. Jedenfalls ist es nicht schön, wenn fünf Leute vor einer roten Ampel stehen und sie alle auf ihre Smartphones starren. Andererseits macht die digitale Technik unser Leben aber auch leichter – weil man alles sofort recherchieren kann, gut vernetzt ist und jedes Handy ein Navigationssystem besitzt. Dennoch frage ich mich manchmal, ob unsere Kommunikation dadurch nicht auch total inflationär wird – und die Leute Erlebnisse im Hier und Jetzt noch genießen, ohne dabei ständig an das nächste Instagram-Foto zu denken.

HÖRZU: Wie wichtig sind Instagram, Facebook, Twitter und Snapchat für Sie?

Emilia Schüle: Ich mache nicht jeden Wahnsinn mit und hole mir nicht jedes neue, trendige Kommunikationsmittel. Instagram und Facebook reichen aus. Vor zwei, drei Jahren habe ich auf Facebook meine Fanseite gestartet. Plötzlich ist sie explodiert – und seitdem mache ich das gern weiter (Anmerkung der Redaktion: Auf Facebook hat Emilia Schüle 108.770 Follower, Redaktionsstand: 17. November 2015).

HÖRZU: Wie war die Zusammenarbeit mit Tobias Moretti?

Emilia Schüle: Er ist ein überaus professioneller Schauspieler, der mit seiner Präsenz das ganze Team zusammenhält und einen Workflow herstellen kann. Sobald er da war, waren alle ein bisschen wacher. Außerdem hat er ein wahnsinnig ausdrucksstarkes Gesicht.

HÖRZU: 2014 hat Ihnen unsere Zeitschrift HÖRZU die GOLDENE KAMERA als beste Nachwuchsschauspielerin verliehen. Wie hat sich das auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Emilia Schüle: Meine mediale Präsenz begann mit dem Doppeltatort "Wegwerfmädchen" und "Das goldene Band". Durch die HÖRZU und die Goldene Kamera wurde das Ganze verstärkt und ich bekam zwei Monate lang im Wochentakt 10.000 neue Facebookfans. Das war unglaublich. Ich dachte damals, dass irgendjemand heimlich an den Zählrädchen dreht. Ohne die Goldene Kamera wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

HÖRZU: Schlussfrage: Was sind Ihre nächsten, spruchreifen Projekte?

Emilia Schüle: 2016 wird die ZDF-Serie "Ku’damm 56" ausgestrahlt. Darin spiele ich die junge Krankenschwester Eva in den Fünfziger Jahren. Sie tut alles dafür, um von ihrem Chef Professor Fassbender (Heino Ferch) geheiratet zu werden. Außerdem drehe ich gerade die historische Serie "Charité" an der Seite von Justus von Dohnányi. 2016 stehen wieder mehr Kinoprojekte auf der Agenda, nachdem 2015 eher ein TV-Jahr war.

Autor: Mike Powelz

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