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Hapi, Gott der Nilflut, zierte den Tempel Herakleions.
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TV-Doku ''Ägyptens versunkene Hafenstadt'': Hapi, Gott der Nilflut, zierte den Tempel Herakleions. Die Granitstatue ist 5,4 Meter hoch. / Fotos: MDR / © Franck Goddio/Hilti Foundation/Christoph Gerigk

Die Suche nach Herakleion

ARTE-Doku ''Ägyptens versunkene Hafenstadt''

  • Artikel vom 11. Mai 2013

Als der Taucher behutsam mit der Hand über den Meeresboden fährt, wirbeln Sand und Schlamm auf. Im trüben Wasser vor Ägyptens Küste kann er den Sensationsfund kaum erkennen: ein vollständig erhaltener Monolith aus rosa Granit. Eingemeißelte Hieroglyphen beweisen: Die Archäologen sind am Ziel. Sie haben Herakleion entdeckt, jene mythische Hafenstadt, die vor 1500 Jahren im Nildelta versank. Die spektakuläre TV-Doku ''Ägyptens versunkene Hafenstadt'' (SA, 11.5., ARTE, 20.15 Uhr) zeigt, wie die verschollene Metropole aus dem Dornröschenschlaf erwacht.

Am Anfang steht nur der Mythos – und ein "Indiana Jones der Meere", der an den sagenhaften Schatz glaubt. Franck Goddio, eigentlich Mathematiker und Finanzexperte, stößt vor fast 30 Jahren auf vage Hinweise. "Wir hatten nur einige antike Texte über zwei Städte: Herakleion und Thonis", erinnert sich der Franzose.

Der griechische Geschichtsschreiber Diodor etwa erwähnt im 1. Jahrhundert vor Christus eine wichtige Hafenstadt an der Mündung des Kanopischen Nilarms. "Man vermutete die Lage irgendwo in der Bucht von Abukir. Aber wo genau?" 150 Quadratkilometer Meeresfläche, spärliche Unterwassersicht durch den Schmutz der nahen Großstadt Alexandria – wie soll man da Ruinen finden?

Die Lösung: Laienarchäologe Franck Goddio lässt ein spezielles Nuklearresonanz-Magnetometer entwickeln. Nach einem genauen Plan kreuzt sein Forschungsboot durch die Bucht. Meter für Meter. Jahr für Jahr.

Puzzlespiele unter Wasser

"Wir haben die gesamt Bucht von Abukir erfasst", sagt Goddio. Zunächst wird ein exaktes Relief des Meeresbodens erstellt. Dann folgt die Suche nach auffälligen Strukturen mit dem Magnetometer – bis die mühevolle Arbeit endlich belohnt wird: Bei einem am Computer rekonstruierten Trümmerfeld könnte es sich um Herakleion handeln.

Erst danach beginnt das echte Abenteuer. Goddio stellt ein Team aus Forschern und Tauchern zusammen. Er selbst sitzt meist am Laptop und dirigiert die Experten unter Wasser von einer möglichen Fundstelle zur nächsten. Sichtweite in der Bucht: gerade mal ein Meter. Dutzende Male kehren die Taucher enttäuscht aus dem Meer zurück. Aber aufgeben? Niemals!

Entdecker Franck Goddio

Der ''Indiana Jones der Meere'': Franck Goddio / Foto: MDR / © Franck Goddio/Hilti Foundation/Christoph Gerigk

Schließlich stoßen sie tatsächlich auf Mauern aus Kalksteinblöcken, legen den Schrein des Gottes Amun-Gereb frei, bergen kolossale Statuen und Schmuck. Im Juni 2001 stellt Goddio die ersten Schätze Herakleions der Öffentlichkeit vor. Seitdem enträtselt das Team Stück für Stück den Mythos der ägyptischen Hafenstadt. "Es ist ein leidenschaftliches Spiel", gibt Franck Goddio zu. "Beinahe wie eine intellektuelle Droge, die einen zwingt, jedes Jahr zurückzukehren und mehr zu lernen."

Ein schwarzer Granitblock, 1500 Jahre lang unter Schlick begraben, löst das Geheimnis der zwei Städte. Die Inschrift ist ein Dekret von Pharao Nektanebos I. und gibt als Standort Thonis an. Goddio: "Herakleion und Thonis sind also ein und dieselbe Stadt." Antike Quellen nennen lediglich zwei Namen aus unterschiedlichen Zeiten.

Und es war eine reiche Stadt. Bei jahrelangen Unterwassergrabungen entdeckt das Team Hunderte Anker und Schiffswracks. In zwei großen Hafenbecken legten nicht nur kleine Boote an, sondern seetüchtige Schiffe, die Waren aus ganz Griechenland brachten. Hier lag einst Ägyptens Tor zum Mittelmeer. Herakleion diente auch als heilige Stätte. Denn mit Metalldetektoren spüren die Taucher zahlreiche Goldmünzen und Schmuck auf. Die Funde liegen so gehäuft im Schlick, dass es sich nur um Opfergaben handeln kann.

Mehr als 15 Jahre lang untersucht Franck Goddio nun schon die versunkene Stadt und sorgt dafür, dass die Geschichte Ägyptens in vielen Punkten neu geschrieben werden muss. Trotzdem ist erst ein Bruchteil Herakleions bekannt. "Um das alles zu erforschen, bräuchte ich zwei oder drei Jahrhunderte", gibt der leidenschaftliche Entdecker zu. "Wir sind noch ganz am Anfang unserer Suche."


Sendehinweis: ''Ägyptens versunkene Hafenstadt''

Doku über Franck Goddios Suche nach Herakleion
SA, 11.5., ARTE, 20.15 Uhr

Autor: Kai Riedemann

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