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Professor Noswitz (Götz George) und seine Enkelin Lotte (Anna Maria Mühe).
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Gespannt verfolgen Professor Noswitz (Götz George) und seine Enkelin Lotte (Anna Maria Mühe) den Test einer Rakete. - Foto © ZDF / Oliver Vaccaro

Im TV: Mo., 05., und Do., 08.11., ZDF, 20.15 Uhr

Agententhriller "Deckname Luna"

  • Artikel vom 04. November 2012

Anfangs schwebt Lotte über Rügen und macht sich einen Spaß daraus, den Fallschirm in letzter Sekunde zu öffnen. Eine unbeschwerte Szene, Symbol für die Freiheit der Möglichkeiten. Aber es soll anders kommen: Verlässlich scheint bald nur noch der Mond in "Deckname Luna", einem dramatischen Zweiteiler aus den Zeiten des Kalten Krieges.

Im Mittelpunkt stehen die junge Werftarbeiterin Lotte Reinhardt aus Peenemünde (Anna Maria Mühe) und ihr Lebenstraum: Kosmonautin will sie werden! So wie ihr Vorbild Juri Gagarin. Dafür brennt sie, dafür absolviert sie ein hartes paramilitärisches Training. Aber Lotte wird ihren Traum nie leben. Vor dem Zugriff der DDR-Staatssicherheit flüchtet sie in den Westen, arbeitet in einem Forschungsbetrieb in Augsburg und gerät bald ins Visier der Geheimdienste.

Was Regisseurin Ute Wieland versucht, ist nicht weniger als ein Genremix aus Spionagethriller, Liebesromanze und Aufarbeitung der jüngeren Zeitgeschichte. Historisches Dokumentationsmaterial in Schwarz-Weiß wird mit Spielszenen gemischt, immer wieder greift die Regisseurin auf ein klassisches Stilmittel des Sechzigerjahrefilms zurück, den geteilten Bildschirm (Split Screen).

Der zeitgeschichtliche Hintergrund greift den Mauerbau im August 1961 genauso auf wie die Kubakrise, als die Sowjets damit drohten, auf der Karibikinsel Atomraketen zu stationieren. Der Kalte Krieg zeigt sich in Drohgebärden und geheimer Diplomatie. Selbst der Himmel ist geteilt in jenen Jahren. Amerikanische Astronauten und russische Kosmonauten werden in den Wettlauf zum Mond geschickt, beim Run auf technisches Knowhow wechseln Agenten und ihre Gegenspieler ständig über die feindlichen Grenzen. Drehbuchautorin Monika Peetz: "KGB und BND waren eng verknotet, 80 Prozent aller Agenten waren Doppelagenten."

Getrübtes Glück

Anna Maria Mühe als Lotte ist der Leitstern der verschachtelten Handlung. Die unerschrockene Werftarbeiterin fällt den allgegenwärtigen Spitzeln erstmals auf, als sie mit Flugblättern gegen den Mauerbau pro testiert. Nachdem ihr Freund tödlich verunglückt und die Stasi ihr diesen Unfall als Mord in die Schuhe schieben will, muss sie über die Ostsee Richtung Westen flüchten.

In Augsburg, wo Lottes Großvater Arthur Noswitz (Götz George) in der Raketenforschung arbeitet, findet sie Unterschlupf und trifft auch eine hoffnungsvolle Zugbekanntschaft wieder, den jungen Wissenschaftler Oskar (Maxim Mehmet). Aber das private Glück im Westen, die Lebenslust der Rock-’n’-Rollund Twist-Dekade, wird schnell getrübt. Der Arm der Stasi reicht weit, und mit Lottes Bruder (Ludwig Trepte), der wegen angeblicher Fluchthilfe im Gefängnis sitzt, haben die Handlanger des DDR-Regimes das größtmögliche Druckmittel.

Das Schicksal ihres Bruders hängt in letzter Konsequenz von ihrer Kooperation ab: Denn Lotte, die als Sekretärin in der Forschungsabteilung des Großvaters Zugang zu geheimen Daten hat, soll ihren Vertrauten hintergehen und dessen Erkenntnisse bei der Suche nach dem besten Raketentreibstoff ausspionieren. Die verhinderte Kosmonautin, die eingangs so unbeschwert durch den Himmel schwebte, kommt unsanft in der Wirklichkeit an.

"Deckname Luna", anfangs als Dreiteiler konzipiert, später auf zwei Teile von je 120 Minuten gekürzt, bewegt viel Inhalt. Wenn die beiden Drehbuchautoren dabei auch noch das Schicksal ehemaliger Zwangsarbeiter in Peenemünde unterbringen wollen, knirscht es gelegentlich zwischen den vielen Versatzstücken der Handlung. Und wenn Lotte nach ihrer Flucht über die Ostsee am westlichen Ufer ausgerechnet eine Coca-Cola-Flasche entgegengestreckt wird, ist das schlicht plump.

Was nachhallt, sind grandiose Schauspielerleistungen vor einem spannenden Themenhintergrund. Götz George als Großvater von Lotte Reinhardt bleibt dabei der geheimnisvolle Unbekannte. Heino Ferch und Andreas Schmidt könnten Agententhrillern der Defa entsprungen sein. Und Anna Maria Mühe, mit 62 Drehtagen die absolute Protagonistin des Films, gibt eine liebreizende Version der Meisterspionin wider Willen – betont unschuldig mit Petticoat und Korkenzieherlocken.


Interview mit Anna Maria Mühe
"Ich gehe gelegentlich über meine Grenzen"

Schauspielerin Anna Maria Mühe
Anna Maria Mühe spielt Lotte Reinhardt in "Deckname Luna".

HÖRZU: War der Fallschirmsprung zu Beginn des Films echt?

Anna Maria Mühe: Nein, ich habe Höhenangst, das würde ich nicht machen. Die Versicherung würde das auch nicht zulassen. Ich hing dabei an Seilen. Nur das Rausspringen und Abrollen bei der Landung hat mir ein Stuntman beigebracht.

HÖRZU: Und die Folterszenen im Stasiverhör? Immerhin mussten Sie Waterboarding ertragen.

Anna Maria Mühe: Da habe ich mit meinem Kollegen Andreas Schmidt ein Signal ausgemacht. Wenn ich mit dem Fuß auftippe, soll er aufhören. Ich selbst neige dazu, im Beruf auch mal über meine Grenze zu gehen.

HÖRZU: Als Spionin muss Lotte sogar ihren Mann belügen. Könnten Sie das?

Anna Maria Mühe: Es gab Momente, wo ich gedacht habe: Die spinnt, die Lotte. Warum hat sie den Mund nicht aufgemacht und ihren Mann eingeweiht? Aber wenn ich drehe, muss ich das in diesem Moment nachvollziehen. Sonst könnte ich das nicht spielen.

HÖRZU: Sie sind 27, die Sechzigerjahre sind für Sie Geschichte. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Anna Maria Mühe: Ich habe viel gelesen, war auch in der Stasigedenkstätte Hohenschönhausen. Für das Twisten zu Rockmusik hatten wir sogar einen Lehrer.

HÖRZU: Vielen Dank, Anna Maria Mühe, für das Interview.

Autor: Angela Meyer-Barg

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