60 Jahre Tagesschau
Silke Hansen, Leiterin der Wetterredaktion

Silke Hansen, Leiterin der Wetterredaktion: ''Die Zuschauer erfahren immer den neuesten Stand.'' / Foto: © HR

Heiter bis wolkig

Die Wettervorhersage der ''Tagesschau''

  • Artikel vom 05. Dezember 2012

Morgens um vier ist schon richtig Betrieb: Die Computer sind hochgefahren, Meteorologen studieren die Daten der weltweit wichtigsten Wetterdienste, Redakteure tippen die ersten Texte des Tages in ihre Rechner. Hier im Frankfurter Funkhaus des Hessischen Rundfunks erstellen 30 Mitarbeiter im Schichtbetrieb Wettervorhersagen für die ARD. Auch diejenige für die prestigeträchtigste und quotenstärkste im deutschen Fernsehen – die Vorhersage am Ende der 20-Uhr-''Tagesschau''.

Auf Basis der Berechnungen der Experten schreiben die Redakteure um 16 Uhr die ersten Beiträge für die Hauptausgabe der ''Tagesschau''. Sie werden bis zum Beginn der Sendung immer wieder überarbeitet. Um 19 Uhr analysieren die Meteorologen ein letztes Mal die aktuellen Daten, erst kurz vor der Sendung wird dann der fertige Bericht aus Bildern und Text an die ''Tagesschau''-Redaktion in Hamburg geschickt.

"Die Zuschauer erfahren in der Sendung immer den neuesten Stand", sagt Silke Hansen, seit 2000 Leiterin der Wetterredaktion. "Und wenn es zum Beispiel Unwetter gibt, bei denen die Lage besonders kritisch ist und sich oft ändert, sprechen wir die Texte auch schon mal live ein." Seit 1960 ist die Wetterkarte fester Bestandteil der "Tagesschau".

Wettersendung

1952: Ein Experte skizziert das Wetter des nächsten Tages. / Foto:© NDR

Vorher gab es für die Fernsehzuschauer seit 1952 eine eigene Wettersendung, in der höchst korrekte, Anzug tragende Fachmänner des Hamburger Seewetteramtes Tiefdruckgebiete und Wolkenfelder gestenreich mit Kohlestiften auf Karten einzeichneten. Um diese bierernste Veranstaltung ein wenig aufzupeppen, bekamen die seriösen Herren seit 1953 Unterstützung von zwei drolligen Püppchen, die dem Publikum daheim in amüsanten kleinen Szenen die Großwetterlage nahebrachten.

Trickfilm-Tief

Meteorologen und Puppen waren beliebt und der Aufschrei dementsprechend groß, als sie alle zusammen ab dem 1. März 1960 zugunsten der "Tagesschau"- Wetterkarte aus dem Programm geworfen wurden. Denn plötzlich stand kein Experte mehr vor der Kamera, stattdessen lief ein zweiminütiger Trickfilm mit irritierenden Symbolen für Hochs und Tiefs, und eine Stimme aus dem Off verriet, ob es am nächsten Tag Regen oder Sonne geben würde.

Zu unpersönlich, zu kühl und für Laien nicht verständlich sei die neue Präsentationsform, moserten viele Zuschauer und auch zahlreiche Journalisten. Aber die ARD-Verantwortlichen waren vom Erfolg dieses Konzepts – das sie übrigens im italienischen Fernsehen entdeckt hatten – überzeugt und ließen sich von der Kritik nicht beirren.

Von Anfang an war der Hessische Rundfunk mit der Wetterkarte betraut. Der Deutsche Wetterdienst, der die Daten liefert, hatte seinen Sitz schon damals im hessischen Offenbach, der Dienstweg zum Frankfurter Funkhaus ist kurz.

Das erste Wetterteam der Tagesschau

Das erste Wetterteam des Hessischen Rundfunks: Herbert Thonak, Elfriede Zechner, Leberecht Hünlich, Horst Erlitz (v. l.) im Jahr 1960 / Foto: © HR/Kurt Bethke

In den ersten Jahren war ein vierköpfiges Team für die Gestaltung der täglichen Wetterkarte verantwortlich. An der Spitze: Elfriede Zechner, eine junge Absolventin der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Ein Bote brachte nachmittags den Bericht vom Deutschen Wetterdienst, nach dessen Vorgaben Zechner und ihre Kollegen knapp 4000 Einzelbilder zu einem Film zusammensetzten. Drei Stunden dauerte diese mühsame Bastelarbeit. Der Text wurde nicht mehr redigiert, sondern genau so gesprochen, wie ihn die Experten formuliert hatten.

Wolken in 3-D

"Es war sicherlich von Vorteil, dass irgendwann Redakteure mit dem Texten beauftragt wurden", meint Silke Hansen. "Seitdem ist die Ausdrucksweise nicht mehr ganz so trocken und ein bisschen verständlicher. Aber auch ohne Fachbegriffe halten wir ein hohes Niveau."

Für das heutige Erscheinungsbild noch viel wichtiger waren der Schritt von der Trick- zur Computertechnik sowie ein Programm namens Trivis, das der Hessische Rundfunk Anfang der 90er-Jahre gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut und dem Deutschen Wetterdienst entwickelte. Dank Trivis lassen sich am Computer Wetterdaten in dreidimensionale Grafiken übersetzen.

Silke Hansen erklärt das Prinzip mit einem Beispiel: "Die Wolken, die man abends in der ,Tagesschau‘ sieht, haben sich nicht unsere Grafiker ausgedacht. Sie basieren vielmehr auf Daten, die der Wettercomputer berechnet hat." Das letzte Wort haben aber immer die Meteorologen aus ihrer Redaktion: "Wenn sie aufgrund ihrer Berechnungen eine andere Prognose als der Computer abgeben, verändern wir die Grafiken nach ihren Vorstellungen."

Zwar sind die Prognosen vor allem dank der größeren Rechenkapazitäten moderner Computer zuverlässiger geworden, dennoch steht für Silke Hansen fest: "Ein erfahrener Meteorologe ist durch keinen Computer der Welt zu ersetzen."

Die Wetterkarte der Tagesschau im Wandel der Zeit

Vom Trickfilm zur realistischen Computergrafik: Die Wetterkarte der "Tagesschau" wurde immer wieder überarbeitet und stets nach dem neuesten Stand der Technik erstellt. / Foto:© dpa

Autor: Sven Sakowitz

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